GESPRÄCH ZWISCHEN FRÜHLING UND WINTER

Was hast Du gestern der Erde hinterlassen?
Fragt der Frühling den Winter.
Dein Schnee ist geschmolzen
Dein Eis ist aufgetaut
Von Dir ist nichts übrig geblieben.

Ich habe vertiefte Seelen hinterlassen
Habe Träume aus ihrem Schlaf geweckt
Habe aus Lieben und Hassen
Empfindungen in Herzen tief versteckt
die aus meinem Eis Deine Flüsse gebaren,
Deine Schuhe.

Was kann ich morgen der Erde hinterlassen?
Fragt der Frühling den Winter.
Meine Blumen werden lang leben
doch selbst sie werden welken -
Meine langen Tage werden kürzer werden.

Kann das Lachen je verlernt werden,
mit dem Du Herzen anstecken wirst?
Du bist der Anfang aller alten Erden
und aller neuen, die Du noch erwecken wirst -
und aus Deinen Flüssen wird einst mein Eis,
mein Ruhe.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Pic: Beats_Beats/Pixabay

FRÜHLINGS BLUMEN

Sie kommen…
Wie Reisende aus einer anderen Welt
Besucher aus einer anderen Zeit
Breiten sich aus über Flur und Feld
Und verleihen ihnen ein neues Kleid

Sie kommen…
Wie neugierige Kinder aus ihrem Haus
Wie Sterne auftauchend aus dem Nichts
Drängen ungeduldig in die Welt hinaus
Und in mein Herz hinein leichten Gewichts

Sie kommen…
Wie erregte Liebhaber, langsam, schnell,
Plötzlich, auf dem Land und in der Stadt -
Naturfarben, schöner als Pastell,
In Blume und Baum und Halm und Blatt.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung



Fotos: Che Chidi Chukwumerije

WIEDERGEBURT ALTER SINNEN

Wirst Du mit mir reden?
Wenn ich ohne Worte Fragen stelle.
Wirst Du meinen Blick erwidern?
Wenn ich ohne Augen Dich anschaue.
Wirst Du mich lieben?
Wenn ich mit Strenge Dich behandle.
Wirst Du mich in meinem Inneren erkennen?
Wenn ich äußerlich auftaue.

Denn der Frühling, er ist da -
Das Blut singt wieder im rasenden Rausch
der Wiedergeburt alter Sinnen
zum Umarmen, was ich vertraue;
und zum Verraten:
Dein wahres Selbst zeigen,
denn der Frühling ist der naive Herbst,
ehrlich, noch ohne das Graue.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MORGENHERZ

Vorfreude und ich weiß nicht worauf –
Kopf blank, Herz gut drauf –
Lächeln und Schmunzeln abwechselnd
spannen sich im Wettlauf miteinander auf.

Irgendwo in seinem sturen Herzen
hört der Winter den Frühling scherzen –
Hoffnung und Heilung abwechselnd
bewegen sich in meinen Schmerzen aufeinander zu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUTER UND IMMER LAUTER

Mein Neujahr fängt nicht mit Feuerwerk an,
sondern mit Schweigen und innerem Glockenklang –
lauter in meinem Ohr als jeder Gesang –

nicht mit Feiern und Lachen und Reden,
sondern mit Nachdenken und Sinnen –
das, womit ernste Dinge immer beginnen.

Denn die Welt wird lauter und immer lauter,
und Jahr für Jahr frage ich mich subtil,
was sie wohl übertönen will.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÜCKFAHRT AUS TIROL

Der Weg ergibt sich aus dem Nebel
Tirol entkleidet sich schnell
entzieht sich dem feuchten Dunst
zwischen seinen Bergen
gibt den Weg frei, eine lange Schlange
und wendet sich unermüdlich
aus der Feier heraus, zurück ins Alte,
voran ins Neue.

Neben mir ein Fluss, der immer in ist,
nimmer out. Die Sonne erscheint zögernd,
es ist eine Wintersonne.
Langsam fallen die Berge zurück,
die Enge weitet sich, und
es liegt eine offene Welt wieder vor mir…
Mit Heimkehr steigt die Reiselust.
Mit Älterwerden, siehe, die jugendliche Lust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE LIEBE ZUM LEBEN

Ich kann nicht geben
ohne dabei zurückzugeben
denn mir wurde bereits alles gegeben
schön verpackt unter dem Namen: Leben.

Es ist das Fest der selbstlosen Liebe –
Damit beendet immer das Jahr seine Betriebe:
Sich verausgaben, bis nur zurück bliebe
das Ursprungsgeschenk: die Freude am Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN KLEINES ZEITFENSTER JEDES JAHR

Einem kleinen Moment
ein großes Stück Ewigkeit zu entnehmen;
Eine innere Angst
zur kraftspendenden Erkenntnis zu zähmen;
Die eigene Grobheit zu erkennen
und Dich dafür befreiend zu schämen –
Befreiend: es wird Dich nicht einschläfern,
nicht trotzig machen, nicht lähmen.

Ein kleines Zeitfenster jedes Jahr,
viele sind weich, oder weicher, gestimmt –
Mancher folgt dem Ruf bis in seine Tiefe,
während der andere auf der Oberfläche schwimmt –
Weihnachten ist Mehr. Wohl dem,
der den Berg dieser Erkenntnis erklimmt:
Erkenntnis der wahren ewigen selbstlosen Liebe,
die tiefer als Blut und höher als Instinkt sich benimmt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RUHIGE WEIHNACHTEN

Ruhige Weihnachten wünsche ich Euch
weil ich Euch gönnen würde
was ich mir wünsche –
jene stärkende heilende hoffnunggebende
angstnehmende erneuernde ehrliche
reife Ruhe
die nichts sagt, was nicht gesagt werden soll
und, wenn was ausgesprochen werden muss
es menschlich feinfühlig
und dennoch ehrlich sagt.

Eine Ruhe, die Wunder wirkt,
aus der das neue Jahr ausbricht
wie ein warmes Lachen in der Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAUE HAARE

All die Jahre waren Haare,
üppig und schön gemacht –
wurden grau und dünn und wenig
und jetzt sind sie weg

Nun steht die Zeit still
wie eine Glatze, widerspiegelt
das endlose Warten auf einen Zug,
der schon abgefahren ist.

Und die stille Zeit
wie die Stille Nacht
wird zum tiefen Meer der Erinnerung
und des Schöpfens ewiger Jugend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung