Auf die Schnelle hole ich mir ein Stück Langsamkeit aus der Mittagspause heraus - Eine Stunde ausgedehnt durch Insichgehen. Ein verinnerlichter Moment in der Ferne ist wie eine Ewigkeit Zuhaus. Aus dem Fenster schauend betrachte ich das Vollenden des Waldes Belaubung in seiner Unaufhaltsamkeit. Lang lebe das Wachsen Lang lebe das Reifen Lang lebe die Langsamkeit. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Jahreszeiten
NACH DEM DU MIR ALLES GENOMMEN HAST
Unter allen Liebhabern
die ich habe
gehst Du am tiefsten
am weitesten
in der Missachtung meiner Sehnsucht
nach Ruhe
nach Sicherheit
Und ich entkomme Dir nicht
immer kommst Du zurück
nach dem Du mir alles genommen hast
was ich je hatte
nach dem Du mir alles gegeben hast
was ich lieb habe
lieber April.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ER MACHT, WAS ER WILL
Ich spüre Dich wieder nahe, nicht als Körper. Du ahnst es: als Geist. Denn immer wenn Du nah warst, wurde ich von der Dichtung gestreift. Heute hast Du mich bombardiert, angesteckt und ohne Impfung geheilt, in die Flucht getrieben, dann als Scherz hast Du mich auch noch zugeschneit. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESPRÄCH ZWISCHEN FRÜHLING UND WINTER
Was hast Du gestern der Erde hinterlassen? Fragt der Frühling den Winter. Dein Schnee ist geschmolzen Dein Eis ist aufgetaut Von Dir ist nichts übrig geblieben. Ich habe vertiefte Seelen hinterlassen Habe Träume aus ihrem Schlaf geweckt Habe aus Lieben und Hassen Empfindungen in Herzen tief versteckt die aus meinem Eis Deine Flüsse gebaren, Deine Schuhe. Was kann ich morgen der Erde hinterlassen? Fragt der Frühling den Winter. Meine Blumen werden lang leben doch selbst sie werden welken - Meine langen Tage werden kürzer werden. Kann das Lachen je verlernt werden, mit dem Du Herzen anstecken wirst? Du bist der Anfang aller alten Erden und aller neuen, die Du noch erwecken wirst - und aus Deinen Flüssen wird einst mein Eis, mein Ruhe. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRÜHLINGS BLUMEN
Sie kommen… Wie Reisende aus einer anderen Welt Besucher aus einer anderen Zeit Breiten sich aus über Flur und Feld Und verleihen ihnen ein neues Kleid Sie kommen… Wie neugierige Kinder aus ihrem Haus Wie Sterne auftauchend aus dem Nichts Drängen ungeduldig in die Welt hinaus Und in mein Herz hinein leichten Gewichts Sie kommen… Wie erregte Liebhaber, langsam, schnell, Plötzlich, auf dem Land und in der Stadt - Naturfarben, schöner als Pastell, In Blume und Baum und Halm und Blatt. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung![]()
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Fotos: Che Chidi Chukwumerije
WIEDERGEBURT ALTER SINNEN
Wirst Du mit mir reden? Wenn ich ohne Worte Fragen stelle. Wirst Du meinen Blick erwidern? Wenn ich ohne Augen Dich anschaue. Wirst Du mich lieben? Wenn ich mit Strenge Dich behandle. Wirst Du mich in meinem Inneren erkennen? Wenn ich äußerlich auftaue. Denn der Frühling, er ist da - Das Blut singt wieder im rasenden Rausch der Wiedergeburt alter Sinnen zum Umarmen, was ich vertraue; und zum Verraten: Dein wahres Selbst zeigen, denn der Frühling ist der naive Herbst, ehrlich, noch ohne das Graue. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MORGENHERZ
Vorfreude und ich weiß nicht worauf –
Kopf blank, Herz gut drauf –
Lächeln und Schmunzeln abwechselnd
spannen sich im Wettlauf miteinander auf.
Irgendwo in seinem sturen Herzen
hört der Winter den Frühling scherzen –
Hoffnung und Heilung abwechselnd
bewegen sich in meinen Schmerzen aufeinander zu.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
LAUTER UND IMMER LAUTER
Mein Neujahr fängt nicht mit Feuerwerk an,
sondern mit Schweigen und innerem Glockenklang –
lauter in meinem Ohr als jeder Gesang –
nicht mit Feiern und Lachen und Reden,
sondern mit Nachdenken und Sinnen –
das, womit ernste Dinge immer beginnen.
Denn die Welt wird lauter und immer lauter,
und Jahr für Jahr frage ich mich subtil,
was sie wohl übertönen will.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
RÜCKFAHRT AUS TIROL
Der Weg ergibt sich aus dem Nebel
Tirol entkleidet sich schnell
entzieht sich dem feuchten Dunst
zwischen seinen Bergen
gibt den Weg frei, eine lange Schlange
und wendet sich unermüdlich
aus der Feier heraus, zurück ins Alte,
voran ins Neue.
Neben mir ein Fluss, der immer in ist,
nimmer out. Die Sonne erscheint zögernd,
es ist eine Wintersonne.
Langsam fallen die Berge zurück,
die Enge weitet sich, und
es liegt eine offene Welt wieder vor mir…
Mit Heimkehr steigt die Reiselust.
Mit Älterwerden, siehe, die jugendliche Lust.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE LIEBE ZUM LEBEN
Ich kann nicht geben
ohne dabei zurückzugeben
denn mir wurde bereits alles gegeben
schön verpackt unter dem Namen: Leben.
Es ist das Fest der selbstlosen Liebe –
Damit beendet immer das Jahr seine Betriebe:
Sich verausgaben, bis nur zurück bliebe
das Ursprungsgeschenk: die Freude am Leben.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

