ZERRISSEN

Hast Du mal Deine Haut
Herausgerissen und geschaut
Was geschrieben und verstaut
Dadrunter gespeichert auf Deine Zukunft lauert?

Durst nach Freundschaft
Lust. Verlangen. Verborgene Kraft
Dick fließend, träge, Dein Saft
Eine sehnende Freude, die rastlos trauert…

Ach! Was soll es? Sie wächst nach
Die Botschaft der Narben: Bleibe wach!
Deine Farben schützen Dich mehrfach
Bleibe mehrdeutig, so lange die Feindschaft dauert…

Reiße Dein Herz kochend heraus
Füttere Deine Feinde, ernte Applaus
Doch dulde nur Freunde in Deinem Haus
Oder hast Du Dich schon ganz eingemauert?

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

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WIRBELSTURM

Gefühlenkarussell
Dunkel folgt auf hell
Und schnell.

Gestern hasste ich Dich noch
Doch die Liebe ist ein schräges Loch
Aus dem mein Verlangen wieder kroch

Gedanken in Umlauf
Ich habe gelernt, sie
Gar nicht ordnen zu versuchen…

Die Grundempfindung ist vorhanden
Und habe ich sie endlich verstanden
Werden auch die Gedanken landen.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.

BESTÄUBT

Dann kam blütengleich
Ihr Lächeln – stark? weich?
Schwer zu unterscheiden
Schmückte mein Leben aus
Jetzt bin ich ein Blumenstrauß
Blätter aus Lächeln und Leiden…

Und wenn ich Dich breche
Schmeckt bitter Deine Rache
Blume mit Stil
Schnitt, Blut, pflanz‘…
Stock, Schwanz, tanz‘…
Obendrauf Dein Blumenkranz
Ich will, oh ja, ich will.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ZÖGERT NICHT ZU LANG

In eine Person langsam, allmählich
Hinein zu gelangen, vorsichtig, umsichtig
Neugierig, doch ohne Hast, uneilig
Immer nah zu sein, wenn sie ein Blatt wendet
Ruhig lesen, aufnehmen, auf mich wirken
In mir arbeiten lassen, die Distanz zwischen uns
Kleinschrittweise schließend, unmerklich
Unaufgeregt, als wäre nichts, und bis ich endlich
Sie ganz vorbereitet habe für den Gnadenschuss
Ist das Leben schon vorbei, es folgt der Abschiedsgruss
Und der Schmerz über den nie geteilten Kuss.

Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung.

DEIN LEBEN IST MEIN GEDICHT

Morgen schreibe ich Dir ein helles Gedicht
Denn Deine wolkigen Augen schreien nach Licht
Doch Herzen brechen ist wohl des Dichters Pflicht
Und heute Nacht bist Du dran

Gnadenlos und hungrig, ein harter Bösewicht
Dürstig und dürftig, bis Dein Herz zerbricht
Dringe ich immer tiefer ein in Deine intimste Einsicht
Bis ich Dein Wissen hab aufgetan

Ich will Dich enttarnen Schicht für Schicht
Will wissen, was Du weißt und ich noch nicht
Will Welt und Schmerzen und Sehnsucht sehen aus Deiner Sicht
Denn die Frau führt den Mann

Und verzehrt ihn langsam wie das letzte Gericht
Und zerdrückt ihn innigst mit ihrer Empfindung Gewicht
Und entlockt ihm morgen ein helles Gedicht
Und verschluckt ihn irgendwann.

– Che Chidi Chukwumerije.