ABENDWEIN

Deine Worte schmecken mir heute Abend
wie der Rotwein, der sie ausgelöst hat,
und der - noch schöner - meine Ohren
geküsst, aufgeweicht und geöffnet hat.

Ohren in Zungen küssen Zungen in Ohren, labend.
Wein und Blut und Fleisch, rot findet statt.
Wanderlustige Worte tun fließend hineinbohren
in das, was der Abendwein geöffnet hat.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MORGENDLICHES GEWITTER

Der geladene Himmel, schwül und hitzig,
er hat es eilig heute Morgen -
Wer kennt denn das nicht?

Laut grunzend und stöhnend
stürzt er sich auf die Erde,
nimmt sie schnell und stürmisch in Besitz.

Morgens ist sie ehe schon feucht.
Das macht die Nacht mit ihr -
Sie ist bereit für des Himmels volles Gewicht.

Er leert sich in einem kurzen heftigen Guss -
Wetterpoetisch nennen wir das einen
regnerischen Morgen mit Donner und Blitz.

Jetzt fallen nur noch die letzten Tropfen,
die Hitze weicht einer weichen Brise,
während die Vogelwelt ins Singen ausbricht.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EXKLUSIVITÄT

Die Sehnsucht danach, die einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach die einzige zu sein.

Das Sehnen sucht, verunsichert.
Das Suchen sehnt sich nach Sicherheit -
doch die Sicherheit wurde durchlöchert
durch das Bedürfnis nach Freiheit.
Denn die Freiheit wurde angereichert
durch den Drang zur Wahrhaftigkeit.

Wie kannst Du haben,
was Du nicht haben kannst?
Egal wie häufig Ihr zusammen
lacht und schweigt und tanzt.
Und Du musst die Sehnsucht tragen
mit ein bisschen Hoffnung und ein bisschen Angst.

Die Sehnsucht danach, der einzige zu sein.
Die Sehnsucht, danach der einzige zu sein.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FENSTER UND SPIEGEL

Die Augen des Fremden.
Sind sie Fenster oder Spiegel,
wenn die Blicke ihre Siegel bersten?

Spiegel sind schön und wichtig.
Wie sollen wir sonst uns selbst entdecken?
Vielschichtig wie wir sind
und spielen immer, innere Kinder, Verstecken.

Doch manch ein Spiegel war kein Spiegel,
war immer ein Fenster,
Aus- und Einblick entriegelt, ungeregelt
verwirrend in eine andere Welt,
verirrend aus und einsteigen, gefesselt.

Nur… was, wenn das Fenster die ganze
Zeit doch nur ein Spiegel war?
Dann bist Du mein Zuhause, schön geheuer.
Nur… was, wenn der Spiegel die ganze
Zeit doch nur ein Fenster war?
Dann bist Du mein rufendes Abenteuer.

- Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HÖCHSTSPANNUNGSLEITER

Heute bist Du meine Muse
Die Ungereimtheiten in Dir
Die Uneinigkeit zwischen Deinem Kopf
und Deinem Herzen ist die schönste Spannung
die ich je gespürt habe –
sie ist eine Hochspannungsleiter,
durchströmt mich mit einem bebenden Warten
auf Entladung –
Danke für die Einladung.
Ladestation: Mensch. Sehnender Mensch.

Zu wissen, ich labe mich an Deiner Wunde
und das Laben reinigt die Wunde –
Herz und Kopf versöhnen sich…
Die Spannung läßt nach…
Die Wunde schließt sich.
Eine Weile muss nun ich entbehren, leiden –
Mein Durst wird wieder reif, dürstet…
Und wenn ich Dich dürstenden Auges anschaue
werden Dir Kopf und Herz wieder uneinig,
die spendende Spannung ist wieder da.

Hallo, Muse.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENLOS

Du musst mich kurz vor Mitternacht erwischen
Nach dem ich die alten Gedanken
zu Ende gedacht habe
Und die neuen noch nicht angefangen habe
zu denken

Genau dann solltest Du mich treffen.
Alles, was ich in diesem Moment sage
und mache
und von Dir verlange
und Dir anbiete…
ist gedankenlos. Ist echt.
Und gehört nur diesem Moment.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FREIER GEIST

Kein Mensch kann
einem Menschen gehören

Aber wir wollten uns gegenseitig angehören
Und logen einander an
jede Nacht flüsternd
Ich gehöre Dir,
Ich gehöre Dir,
Ich gehöre Dir.

Doch meine innere Stimme
schaute mich jedes Mal danach an
und sagte:
Das ist nicht fair.
Sag ihr doch die Wahrheit:
Du gehörst nur mir,
dem Feuer tief in Dir selbst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIDERSPRÜCHE

So oft wir abheben und wieder
auf den Boden der Tatsachen landen
So oft wir tags Gedanken verlieren
deren Fäden wir nachts fanden
So oft wir in der Gegenwart anfingen
und in der Vergangenheit doch stranden
weil heute uns die Widersprüche trennen
die uns gestern verbanden..
So oft warst du mein Freudenhaus
denn ich ging pausenlos ein und aus
und nie habe ich dich verstanden
Doch tausendmal in dich gehen
und tausendfach dich nicht verstehen
war Durst alles, was wir empfanden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung