HERZ-KANNIBAL

Ich esse Herzen
am besten blutig
am liebsten warm
Ich habe mich noch nie verschluckt

Früher habe ich
wild und hastig
rum gekaut
und die Hälfte wieder ausgespuckt

Jetzt verinnerliche ich
inbrünstig, durstig
langsam lang kauend,
die Gesichter ewiglich auf meine Erinnerung gedruckt

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KOMMEN UND GEHEN

Warum fühlt sich der Anfang an
wie das Ende
Und das Ende wie der Anfang an?

Deine Liebe ist wie der Sonnenuntergang
Deine Liebe ist wie der Sonnenaufgang
Immer am Ende
Immer am Anfang

Magst Du mich kommen fühlen mit Glut und Wonne
Musst Du mich gehen lassen wie die Sonne.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SOMMERNACHTREGEN

Ich roch ihre Erregung,
angeregt von der Nacht,
die halbe Stadt hing raus,
ging raus und war draußen zu Haus.

Auf einmal kam der Wind
wie schnelle harte Atemzüge,
und ich roch ihre Aufregung –
die ganze Stadt eilte wieder nach Haus.

Doch nicht schnell genug –
Die Böden wurden feucht
Die Menschen wurden naß
und ich roch den dürstigen Regen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEGEGNUNG IM ZUG

Das Kleid war hübscher als die Frau.
Der Blick war klüger als der Mann.
Sie dünkten sich
und sich gegenseitig
schön schlau,
doch die Enttäuschung wird kommen irgendwann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RUHIG NACH VORN

Ich blicke
wie die Nacht und wie der Morgen
wie die Nadel gebannt ihrem Norden
wie ein Kind im Vertrauen geborgen
wie ein Fluss durch Reisen klar geworden
ohne Angst und ohne Sorgen
in mein tägliches Geschick.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLES IST NICHTS

Du musst die Zeit haben
Um die Zeit zu vertreiben
Du musst die Leere in Dir tragen
Um Dich an der Leere zu zerreiben
Du musst die Liebe spüren
Um die Liebe zu hassen
Du musst zu Deinem Schmerz gehen
Um Deinen Schmerz zu verlassen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEM DRANGE NACHGEBEN

Schwer lag auf mir der Drang,
den schweren Drang abzuwerfen –
Und der Drang danach,
dem Drang nachzugeben,
war so unerträglich,
daß ich dem Drang nachgab
und den Drang abwarf.

Erleichterung leert
Doch die Leere erleichtert nicht.

Jetzt bin ich leicht – und leer –
und sehne mich wieder nach dem Drang
und nach dem Drang danach,
mich dem Drang wieder nachzugeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ENTZAUBERT

Sie sehnten sich nach einander
zehn Jahre lang

Labten sich an der Sehnsucht,
gefangen wie in einem Hang

Doch eine einzelne Nacht
entlud ihnen, enttäuscht, ihren Drang

und befreite sie, traurig, von ihrem Zwang.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBHABER

LIEBHABER

Der Fluss rennt wie eine verrückte Frau
mit Beinen überall links und rechts geworfen
Bis er unser Tal erreicht
Dann auf einmal fängt er an zu tanzen
wie ein verrückter Mann
mit Beinen überall links und rechts geworfen.
Du siehst ganz deutlich den Unterschied
zwischen den zwei
und doch ist es der selbe Fluss.

Wenn unser Tal sein Höhepunkt ist,
dann ist es doch sein Gipfel.
Du siehst ganz deutlich den Unterschied
zwischen den zwei
und doch ist es das selbe Gefühl.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIT

Wie tief ist das Loch
in dem wir seit der Geburt fallen?
Und fallen und fallen
und fallen und fallen –
Zwischen dessen grauen Wänden
unsere Träume hallen und nachhallen?
Die Echoes, wenn sie uns erreichen,
siehe, die sind scharfe Krallen!
Und wir fallen und fallen
und fallen und fallen
Bis zum Moment, an dem
wir gegen die Erkenntnis prallen,
daß wir die ganze Zeit Flügel hatten…
kurz bevor wir auf den Boden knallen!!
Oder nicht.
Spannt Eure Schwingen, hebt ab –
Adler. Tauben. Raben. Rallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung