Bist Du noch bei mir? Manchmal vergesse ich, in meinem Gedächtnis nach Hinweisen nach Dir rum zu hören - Das ist das Enigma des Gedächtnisses: Es erinnert Dich nicht daran, daß es es gibt. Daran musst Du Dich selbst erinnern. Erst danach schaltet es sich ein, ohne Garantie. Er vergisst neue Begegnungen und neue Namen aber der erste Kuss, die erste Liebe, der erste Tod, der erste Schmerz, und manch ein Geschehen weit zurück in der Vergangenheit, egal wie weit, sie fühlen sich noch so an als wären sie erst gestern geschehen. Die erste Sehnsucht lebt am längsten im Herzen der Erinnerung. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Liebe
AN MEINE SCHWARZEN KINDER – (1)

Meine Kinder, Ihr seid mehr, weit mehr, als Ihr denkt. Seid nicht entmutigt, wenn Eure Gesellschaft hin und her schwenkt, unsicher darüber, was sie gemeinsam und einzeln von Euch hält, und in welche Schublade Euch zu stecken ihr am bequemsten gefällt. Ihr seid meine Kinder - Das ist mehr, als Ihr jetzt begreift. Eure Wurzeln sind tiefer, als jede Farbe, die über Euch streift. Sie verankern Euch in dem Anfang unserer Menschenwelt und werden Euch halten, egal was die Welt Euch in den Weg stellt. Nicht leben ist wichtig, sondern würdig leben und stolz sterben. Leistet ewig Widerstand, wenn versucht wird, Euch zu enterben unseres höchsten Guts und ältesten Guts als Menschheit: Euer tiefes Selbstvertrauen, Euer Geistes Wissen der eigenen Fähigkeit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
LIEBEN
Wessen Herz habe ich noch nicht gesehen? Ich schaue zurück und sehe sie alle. Erneut. Unvollkommene Beziehungen und ich muss gestehen: Die Bindungen und die Trennungen haben mich erfreut. Ich hatte nie Angst, sie alle zu lieben, denn Lieben hat mich Loslassen gelehrt. Und nun ist die eine Richtige geblieben, denn Loslassen hat mich Lieben gelehrt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
JENSEITS IST DIESSEITS
Ich träumte, ich drehte mich um und sah Dich um mich trauernd, mich vermissend. So fiel es mir ein, oder auf, daß ich Dir wohl irdisch verstorben war und längst beerdigt. Ich mußte es zwischenzeitlich vergessen haben, den Tod und die Beisetzung, denke ich, denn alles, was ich weiß, ist, daß ich hinüber und weiter gegangen bin. Ich, unverändert, und immer noch am Leben. Und lebend sein fühlte sich, wie auf der Erde, so normal an.
Du warst dennoch so weit weg. Doch sah ich Deine Trauer wie eine Kerze im Nachbarhaus auf der anderen Straßenseite unter der Brücke. Und Du warst selbst die stete brennende Kerze. Oh, wie ich Dich trösten wollte… Aber Du hörtest und sahst mich nicht wie früher. Das war‘s, was weh tat.
So entschloss ich mich, Dir ein letztes Gedicht zu schreiben, denn Du warst immer die erste, die meine Gedichte lass, und hast sie immer tief empfunden. Sicherlich würdest Du diese auch empfangen und empfinden, wenn ich sie Dir aus dem Dir Jenseits mir Diesseits sende … oder leise vorlese…, dachte ich, hoffte ich. . Es war mir selbstverständlich aber wissen wusste ich es ehrlich gesagt nicht. Mehr konnte ich aber nicht mehr tun.
Also fing ich an, dieses Gedicht zu schreiben:
Auch wenn Du denkst, ich bin gestorben,
bin ich Dir viel näher, als Du denkst…
Gleichzeitig näher und weiter als Deine Gedanken,
ganz egal, wie wo Du sie hin lenkst…
Ich will aber, daß Du Dich umdrehst
und Dich Deinem Erdenleben voll widmest;
Dein Weg empor in unser Ziel liegt wie Stufen
in jedem Moment, in dem Du irdisch noch atmest.
Und dann wachte ich aus dem Schlaf auf und siehe da, es war ein Traum. Und das Leben fühlt sich, wie immer, normal an, egal in welcher Zeit und in welchem Raum.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ABENDWEIN
Deine Worte schmecken mir heute Abend wie der Rotwein, der sie ausgelöst hat, und der - noch schöner - meine Ohren geküsst, aufgeweicht und geöffnet hat. Ohren in Zungen küssen Zungen in Ohren, labend. Wein und Blut und Fleisch, rot findet statt. Wanderlustige Worte tun fließend hineinbohren in das, was der Abendwein geöffnet hat. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
OHNE FILTER
Zeig mir Dein Gesicht ohne Filter. Der wärmste Filter ist trotzdem kälter. Je sanfter, weicher, glatter, desto rauher und älter. Je glänzender, desto matter, je perfekter, desto entstellter. Zeig mir das Unvollkommene in Dir, Du und ich wissen ganz genau: Das ist das Perfekteste in Dir. Das Echte ist das Beste an einer Frau. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BE-SUCHT UNS IN DER ZUKUNFT
Wie viele Häute wie eine Schlange hat unsere Liebe schon abgeworfen? Die einen suchen uns in der Vergangenheit, im Gestern, dort finden sie unzählige, tote, Muster. Die anderen untersuchen die Gegenwart, das Heute, sehen eine immer-wiedergeborene lebendige und wendige Schlange. Aber wir, wir leben nach wie vor in der Zukunft. Im Morgen solltet Ihr versuchen, das Rätsel zu lösen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MAL SO MAL SO
Mein Herz ist ein Loch. Manchmal steigst Du rein Manchmal steigst Du raus Und beides fühlt sich gut an. Wir sind mein Zeitempfinden. Wir werden zusammen alt Wir bleiben zusammen jung Und beides fühlt sich gut an. Dein Herz ist meine Aufgabe. Manchmal verstehe ich Dich Manchmal verwirrst Du mich Und beides fühlt sich gut an. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NEUE BLUMEN
Immer wieder blühen neue Blumen im Garten Deiner Seele Ich merke es an dem neugierigen Blick, den wir überrascht tauschen, wie zwei Fremde allein in einem Fahrstuhl, der langsam nach oben fährt. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KLEINE TRENNUNGEN
„Vater, Du brauchst zu lang - Kann ich wieder alleine hin?“ Ich spüre seinen Freiheitsdrang. Er muss zum Hort Ich zur S-Bahn und zur Arbeit Für jeden Menschen ein anderer Ort „Wir müssen in die selbe Richtung. Lasst uns doch zusammen bis zur zweiten Kreuzung.“ Wir laufen los Er marschiert zielstrebig nach vorne, beachtet mich nicht groß. Für diese Strecke auf jeden Fall braucht er mich nicht mehr, auf einmal. So reisen wir ein Stück miteinander, Vater und Sohn, dann gehen unsere Wege auseinander. Ich bleibe stehen, sehe ihn selbstbewusst weiter laufen und dann um die Ecke gehen. Kleine Wendungen können genau so tief bewegen wie große Trennungen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
