MEINE ZWEITE NATUR

Sie trug den Herbst in ihren Haaren
meine Lieblingsjahreszeit
Egal wo wir waren
Egal wann wir waren
trug sie meine Freude in sich allezeit
als wäre sie meine Liebe nicht nur
sondern auch meine zweite Natur.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER LIEBE ZWEITE SEITE

Wenn die Liebe Strenge wäre
und uns keine Ruhe ließe
bis wir aus uns herauswüchsen,
… wie sollten wir diese Liebe nennen?

Denn sie lächelte nicht und tat uns weh
und achtete nicht auf unsere Tränen
und trieb uns gnadenlos voran
und half uns, unsere Fehler auszubrennen.

Wenn die Liebe Strenge wäre –
zumindest bis zur Hälfte –
würden wir dann endlich lernen,
in der Ehrlichkeit die Liebe zu erkennen?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EHRENAMT: MENSCH

Mich dünkt,
die Schöpfung wird getrieben
wird gehalten wird aufrechterhalten
durch Ehrenamtlichkeit!

Alles, was wichtig was wesentlich ist
Sonne, Regen, Wind, Naturgesetze
Ernte, die Jahreszeiten, sich wiederholend
in selbstloser Regelmäßigkeit!

Doch wir, Menschen, sind so klug geworden
und so leer so einsam so traurig
gefangen in unserem Widerspruch:
wie viel Selbst verträgt die Selbstlosigkeit?

Die wichtigsten Berufe sind unbezahlbar
denoch muss man sie bezahlen –
Die besten Menschen werden ausgenutzt
und Ehre wird quittiert mit Ehrlosigkeit!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UNSICHTBARE MACHT DER FREUNDSCHAFT

Freunde
wohnen in meinem Herzen
wie Empfindungen in einem Geist
wie Gedanken in einem Kopf
wie Wesenhafte in der Natur

Keiner sieht sie
Keiner kennt sie
Doch gäbe es sie nicht
gäbe es kein Herz und keinen Geist
keinen Kopf, keine Natur und keine Freude.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHENLICHTER

In ihr brannte ein Licht
als wäre sie eine Lampe
und hütete eine Flamme
die erleuchtete ihr Gesicht

Und wem sie zulächelte,
siehe: da ward ein Wunder
das in dessen grauen Herz
den sterbenden Funken fächelte

Kummer und Schmerz kommen
um uns zu reifen, und gehen
um uns begreifen zu lassen
was uns die Oberflächlichkeit genommen:

Die Flamme der Lichtsehnsucht.
Mal begegnet sie uns in der Natur
Mal in einem einfachen Mitmenschen
aus Fleisch und Blut, ungesucht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE LANGE LEBENSREISE

Sie mit Krücken
Er mit Liebe beladen langsam
schleppte ihre beiden Taschen
hinter ihrem Rücken –
beide müde lächelnd, schweigsam.

Erreichten ihren Sitzplatz
mit getauschten Blicken so linder
daß sie mich überraschen
setzten sich nebeneinander –
jeder dem anderen ein ewiger Schatz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

REIFE UND VERÄNDERUNG

Ich frage mich, ob
sie noch zusammen sind

Die Fotos sind von vor zehn Jahren
von vor fünfzehn Jahren
Facebook hat sie alle aufbewahrt
sie waren jung und glücklich
verliebt
ihre strahlenden Augen sangen von Ewigkeit

Mit Veränderung sich verändern
Reifer werden

Ich frage mich, ob sie noch
zusammen sind –
Das ist das aller schwierigste:
zusammen bleiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KÄLTE UND WÄRME

Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der sich die Wärme zurück zieht
tief ins Herz von Mensch und Natur.

Jeder Obdachlose, den man sieht
zitternd da draussen, ist ein Mensch
der in Schwierigkeiten geriet.

Es naht sich wieder die Jahreszeit,
in der der Mensch die Wärme bezieht
einzig und allein aus der Menschlichkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERZENSMENSCHEN

Manch ein Mensch
wandert lang
auf verschlungenen Wegen
über Berge und Täler,
Gefühlsschlünde
Empfindungsflüsse
Gedankenwälder,
macht geduldig die schmerzvolle
Reise aus Deinem Herzen in Deinen Kopf,
nicht wissend, ob Dein Herz
ihn vergessen haben wird, wenn er
endlich, plötzlich
in Deinen Gedanken auftaucht.

Überrascht, erstaunt, vielleicht
ein bisschen verunsichert
starrst Du ihn an,
vielleicht ein bißchen überglücklich
betrachtest Du sein Walten in Deinem Kopf,
wunderst Dich wie das sein kann,
daß ein Mensch so lang in Deinem Herzen
unbemerkt leben kann, Wurzeln schlagen,
und dann eines Tages, wie ein Baum,
in Deinen Kopf hinaufwachsen
und taucht wie ein alter Gedanken auf,
– Verwundert denkst Du nur:
Wie tief ist das Herz, wie weit, und geheimnisvoll.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄLTER UND JÜNGER

Am Anfang fühlte sich Deine Hand
alt, uralt, bekannt, wie eine Erinnerung
von einer Zeit älter als meine Erinnerung
– deshalb hielt ich sie fest, Deine Hand.

Am Ende fühlt sich Deine Hand
neu, frisch, wie eine Verheißung
einer Zeit längst nach unserer
– deshalb halte ich sie fest, Deine Hand.

Als ein altes Ehepaar fingen wir
in unserer Jugend an.
Das Leben veränderte uns.
Als ein junges Ehepaar werden wir alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung