DIE MUSIK DER LIEBE

Gitarre
wenn Du Frau wärest
wem gälte meine Treue?
Ihr, die mich befeuert
oder ihr, die mich beruhigt?

Ich bin beunruhigt heute Abend
und weiß nicht,
zu wem ich hilfesuchend gehen soll –
zu meiner Gitarre
oder zu meiner Frau.

Gitarre
ich glaube, ich nehme Dich zu meiner Frau
und spiele ihr ein Lied –
uns drei würde heute Nacht sicherlich
ein Dreier gut tun.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IM SPIEGEL SUCHEN

Ein Junge lief nach langer Wanderung Heim
um seinem Vater zu erklären,
warum er fort gegangen war –
Doch der Vater war mittlerweile schon gestorben,
ohne erfahren zu haben…

Daß sein Sohn gegangen war
auf der Suche nach ihm, dem Vater,
und irrte so lange herum, bis er
die Stimme des Vaters in seinem Herzen vernahm –
denn er war nun ein Mann geworden.

Er schritt nun durch die Tür hinein
Das Haus war leer
An der Wand stand ein Spiegel
Er schaute lang in das Glas hinein
und die Augen seines Vaters, sie schauten zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN WORT IN DEIN OHR

Kamera Phone
Deine Ohren wie ein Aufnahmegerät
Erinnern sich an Kleinigkeiten von Gestern –

Wie groß sie jetzt geworden sind.

Und die Dinge, die einst so groß waren,
wie klein sie heute sind.

Unzählige Worte, Kleinkram, säte ich
all die Jahre in Deine Ohren –
So klein waren sie nicht, denn es war alles
ernst gemeint.

Heute bist Du mein Blumengarten geworden
aus dem alles Gute mir geboren wird.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH SPÜRE DICH AUF

Ich lese Dich langsam
wie die Linien auf meiner Handoberfläche
Ebensowenig verstehe ich Dich
obwohl Du unbedeckt ausgebreitet
vor mir liegst
wie eine Offenbarung

Langsam fahre ich über Dich
mit einem Finger, dann mit zwei, dann drei…
wie die Linien auf meiner Oberfläche
Ich kitzele Dich zart, denn
Du kitzelst mich wach
wie eine Offenbarung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GIB DICH GANZ

Denkst Du deutsch, wenn Du deutsch sprichst?
Oder sind das nur Worte, die Du an mich schickst?
Schenkst Du Liebe, wenn Du Liebe machst?
Oder sind die Küsse leer, die Du spielend vor hast?
Wie viel kannst Du nehmen, und immer noch nicht satt sein?
Wie viel kannst Du geben, und immer noch nicht leer sein?
Wie eng kannst Du Dich binden, und immer noch getrennt sein?
Wie weit kannst Du Dich entfernen, und immer noch mein Eigentum sein?
Wenn Du liebst, halte nichts zurück
Sonst musst Du wieder kommen
Und wieder kommen
Und wieder kommen
Bis Du mir alles gegeben hast.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

STERN

Eine einzelne Lampe
Eine Glühbirne
Hängt von der Decke runter
Die einzige Lichtquelle
Wie ein origineller Gedanke, der
alle Köpfe gleichzeitig befruchtet –
Wie eine uralte Empfindung
die ihre Reise von Anfang der Zeit begonnen hat
und nun hier am äußersten Rande der Schöpfung
über unseren Herzen schwebt
denn es ist Weihe Nacht,
der Tag an dem die Schöpfung lacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FAMILIENVATER

Bin schwach heute
finde aber in meiner Umgebung keinen Platz
für das schwache mich.

Alle sehen mich mit Augen an
die mich wissen lassen, daß ich für sie stark bin
und stark sein muss.

Deshalb bin ich stark
auch wenn ich schwach bin
besonders wenn ich schwach bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU BIST MEIN TAG

Als ich Dich verlassen wollte
Blieb der Tag stehen
Und er hinderte mich am Weitergehen
Denn er verweigerte mir, was ich wollte
Ich wollte die Nacht.

Ich war müde und konnte mich nicht ausruhen
Denn ich fand keine Nacht
Ich war einsam, konnte mich aber nicht binden
Denn ich war innerlich noch nicht getrennt
Und fand keine Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUSAMMEN ALT WERDEN

Der Abend ist das Versprechen des Morgens
Die Nacht sein Geschenk
Das Alter ist ein Geschenk
Nicht jeder lebt lang genug, um es zu bekommen

Was ist schöner als Deine Falten?
Der Tag mußte lang reisen, um die Nacht zu küssen
Ich werde alle Deine Falten zart küssen
In der Reihenfolge, in der sie erscheinen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WESENTLICHE

Papa, Du bist
fast nie Zuhause –
sagte mir heute Morgen mein Sohn.

Aber ich hörte:
Papa, Du bist nie da.

Und ich dachte an die Demos,
dachte an die Arbeit und an die Treffen,
an die Zukunft, die ich ihm bereiten wollte…

Und ich fragte mich:
War es das alles Wert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung