VOLL MIT LEERE

Voll mit Leere
Sehr voll
Sehr leer

Leer mit Fülle
Sehr voll
Sehr leer

Der Tag wer voll, ich hatte viel zu tun
Der Tag war leer, ich hatte nichts zu tun
Außer mich mit der Leere befassen
Die in Fülle mich völlig umgab und erfüllte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLEIN IN DER MENGE

Es gibt diesen einen Tag
Diesen einen Augenblick
Während Du mitten in und mit der
Menschenmenge läufst
In dem Du plötzlich realisierst:
Ich bin allein.

Du hältst an, stehst still
Wie ein Tänzer mitten im Schrei
Während unzählige Stimmen
Wie Schlagzeuge auf Deine Ohren
Antworten zu ungestellten Fragen
Hart nieder trommeln.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERN UND NAH

Die Welt ändert sich schneller
als unsere Clichés hinterher laufen können -
Brülle sie so laut wie Du magst
sie zerflattern wie Rauch im Winde.

Schwarze entsprechen ihren Clichés nicht
Weiße entsprechen ihren Clichés nicht
Männer nicht, Frauen nicht, Schwulen nicht
Fremde, Behinderte, Obdachlose, alle nicht.
Niemand ist noch das, was er sein soll.

Und als ich die Verwirrung in allen Augen sah
dachte ich mir, wie fern wir voneinander sind
und doch so nah.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENFLUG

Wir standen auf den Wolken
Die Erde ist so klein
Denke ich mir während wir laufen
Langsamen Schrittes hoch über Länder
Ich habe nicht mal meinen Gedanken
Zu Ende gedacht
Schon sind wir am Zielflughafen gelandet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

SCHLAFLEID

Ob heute Nacht
unter einer Brücke
ein Obdachloser Sehnsucht
nach einem altgeliebten Lied verspürt
und es nur in seinem Gedächtnis
wieder hören kann, denn er hat weder
Handy noch Musikspieler noch Internet,
und er wird nostalgisch, dann traurig,
dann unruhig, nimmt seine sieben Sachen
und sucht sich einen Bahnhof
unter der Erde und dort
auf einer Bank unter dem grellen Licht
hüllt sich in einem dunklen Schlafsack – und schläft – ein…

Ob er, bevor er einschläft,
in seinem Kokon wie eine Raupe,
sein altgeliebtes Lied zu sich singt
und an einen Schmetterling denkt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PLATZ FÜR UNS

Er auf seinem E-Rollstuhl
Sie mit ihrem Rollator
Sie wollte einsteigen
Er wollte wenden und rausfahren
Kein Platz für beides, für beide.

Sie fangen an, zu streiten
Sie findet eine Ecke, er Platz
Der Fahrer legt die Rampe an
Er fährt aus der Straßenbahn raus
Sie setzt sich, in sich versunken

Neben mir sitzt ebenfalls eine Alte
Sie beobachtet alles wortlos, steigt
mühsam an der nächsten Haltestelle aus
Wir werden älter, die Welt jünger
Wir werden langsamer, die Welt schneller

Und wir werden ungeduldiger miteinander
Anstatt geduldiger. 

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TAGE DER KÄLTE

Im Winter schreibt die Straße
ihre härtesten Gedichte
Wieder ein Obdachlose erfroren
mundtot in der Stadtgeschichte

Die Nachrichten schreien
darüber ein paar Tagesberichte
Die Politik zeigt sich bestürzt –
das, wozu sie sich verpflichte.

Die Bewohner und Benutzer
der Straße, ihre eigenen Gerichte,
wussten‘s schon immer, die Kälte
richtet ihn eines Tages zunichte.

Niemand rief den Kältebus
doch die waren keine Bösewichte
Die Kälte zieht uns die Wärme ab,
die ihr Ertragen ermöglichte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWERE ZEITEN

Ich sah leere Büroräume
zum Vermieten freigegeben.
Ich fragte mich, welche Träume
dorthin einzuziehen streben.

Wird die Wirtschaft mitspielen?
Droht Rezession? Inflation?
Wird der Markt ihren Zielen
eine Chance geben zur Realisation?

Jahre der Schule und Ausbildung
liegen hinter den einen.
Hinter andren Jahre der Hoffnung,
Arbeitslosigkeit, Weinen.

Ich sah leere Büroräume
und hörte mein Herz ein Gebet aufbringen
für die guten dorthin bald einziehenden Träume:
Gutes Gelingen!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER TOD EINER PERSON

Pinsel war Emotion
Tinte war Blut
Gedichtet aus Passion
Hoffnung und Wut
Der Tod einer Person
Das Sterben von Mut
Zerstört einer Nation
Aller-wertestes Gut.

Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABGELENKT

Endlich haben wir die Möglichkeit
täglich, stündlich, sekündlich
unsere Gedanken mit allen zu teilen
– doch ich bin abgelenkt.

Seit Stunden scrolle ich hochundrunter
wie schnüffelnd ein Hund im Wald
auf der Suche nach – und weiß trotzdem
immer noch nicht – was Ihr denkt.

Mediensozialisierung
Sinnesüberflutung

Die Suche lenkt mich vom Suchen ab
Das Gefundene lenkt mich vom Finden ab
Eure Gedanken lenken mich vom Denken ab
– Aufmerksamkeit Euch geschenkt
– meine Lebenszeit verschenkt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung