Er auf seinem E-Rollstuhl Sie mit ihrem Rollator Sie wollte einsteigen Er wollte wenden und rausfahren Kein Platz für beides, für beide. Sie fangen an, zu streiten Sie findet eine Ecke, er Platz Der Fahrer legt die Rampe an Er fährt aus der Straßenbahn raus Sie setzt sich, in sich versunken Neben mir sitzt ebenfalls eine Alte Sie beobachtet alles wortlos, steigt mühsam an der nächsten Haltestelle aus Wir werden älter, die Welt jünger Wir werden langsamer, die Welt schneller Und wir werden ungeduldiger miteinander Anstatt geduldiger. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Moderne
TAGE DER KÄLTE
Im Winter schreibt die Straße
ihre härtesten Gedichte
Wieder ein Obdachlose erfroren
mundtot in der Stadtgeschichte
Die Nachrichten schreien
darüber ein paar Tagesberichte
Die Politik zeigt sich bestürzt –
das, wozu sie sich verpflichte.
Die Bewohner und Benutzer
der Straße, ihre eigenen Gerichte,
wussten‘s schon immer, die Kälte
richtet ihn eines Tages zunichte.
Niemand rief den Kältebus
doch die waren keine Bösewichte
Die Kälte zieht uns die Wärme ab,
die ihr Ertragen ermöglichte.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWERE ZEITEN
Ich sah leere Büroräume zum Vermieten freigegeben. Ich fragte mich, welche Träume dorthin einzuziehen streben. Wird die Wirtschaft mitspielen? Droht Rezession? Inflation? Wird der Markt ihren Zielen eine Chance geben zur Realisation? Jahre der Schule und Ausbildung liegen hinter den einen. Hinter andren Jahre der Hoffnung, Arbeitslosigkeit, Weinen. Ich sah leere Büroräume und hörte mein Herz ein Gebet aufbringen für die guten dorthin bald einziehenden Träume: Gutes Gelingen! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER TOD EINER PERSON
Pinsel war Emotion Tinte war Blut Gedichtet aus Passion Hoffnung und Wut Der Tod einer Person Das Sterben von Mut Zerstört einer Nation Aller-wertestes Gut. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ABGELENKT
Endlich haben wir die Möglichkeit
täglich, stündlich, sekündlich
unsere Gedanken mit allen zu teilen
– doch ich bin abgelenkt.
Seit Stunden scrolle ich hochundrunter
wie schnüffelnd ein Hund im Wald
auf der Suche nach – und weiß trotzdem
immer noch nicht – was Ihr denkt.
Mediensozialisierung
Sinnesüberflutung
Die Suche lenkt mich vom Suchen ab
Das Gefundene lenkt mich vom Finden ab
Eure Gedanken lenken mich vom Denken ab
– Aufmerksamkeit Euch geschenkt
– meine Lebenszeit verschenkt.
Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
