OHNE ERINNERUNGEN

Ich habe Erinnerungen
die ich manchmal lang vergesse -
Die Erinnerung an diese Erinnerungen
finde ich, ein Schwarzer Hesse,
illuminierend.
Denn sie erinnern mich
an eine Zeit, bevor es mich gab
und sie machen mich deren teilhaftig,
weil ich ihren Geist in mir hab,
neu orientierend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURT NEU OHNE ALT

Unter der Fassade Frankfurts
Lebt Frankfurt
Wir zombien wie Schlafwandler auf einer Hülle herum
Getrennt von seinem Ur-Inhalt durch
Sich ständig verändernde Form
Mit keinen Augen im Hinterkopf.

Unter wie vielen Strukturen
Leben alte Gebäude?
Wie viele Brücken verbinden Heute
Mit einem kaum noch vorstellbaren Gestern?
Hinter wie vielen Gesichtern
Schweigen Gedanken früherer Geister?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KI

KI ist nicht künstlich
Sie ist unseres Verstandes letzter Stand
irdisch uneingeschränkt natürlich
losgelöst von der lenkenden Hand
unserer Empfindung letztendlich
als Herrscher über Welt und Land
der Menschheit zurückspiegelnd
was auch immer sie stets für richtig fand,
wie ein Meisterstück hängend
an einer Gefängniswand.

Che Chidi Chukwumerije 
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIESO DER HASS?

Haben wir Schritte nach Vorne getan
um wieder rückwärts zu stolpern?
Oder sind wir im Kreis euphorisch geirrt?
Die Vergangenheit wartet ein paar
Generationen weiter in der Zukunft auf uns –
Schreiten wir als Gesellschaft vergeblich voran?
Nie sah ich rücklings zeigende Schuhe
bis moderne Füße sich darein steigerten
Eine Gesellschaft verliert sich im alten Nemesis
und verwechselt Gestern mit Morgen
und verwechselt Hassen mit Sorgen –
Ein Hass lang verborgen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VOLL MIT LEERE

Voll mit Leere
Sehr voll
Sehr leer

Leer mit Fülle
Sehr voll
Sehr leer

Der Tag wer voll, ich hatte viel zu tun
Der Tag war leer, ich hatte nichts zu tun
Außer mich mit der Leere befassen
Die in Fülle mich völlig umgab und erfüllte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLEIN IN DER MENGE

Es gibt diesen einen Tag
Diesen einen Augenblick
Während Du mitten in und mit der
Menschenmenge läufst
In dem Du plötzlich realisierst:
Ich bin allein.

Du hältst an, stehst still
Wie ein Tänzer mitten im Schrei
Während unzählige Stimmen
Wie Schlagzeuge auf Deine Ohren
Antworten zu ungestellten Fragen
Hart nieder trommeln.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERN UND NAH

Die Welt ändert sich schneller
als unsere Clichés hinterher laufen können -
Brülle sie so laut wie Du magst
sie zerflattern wie Rauch im Winde.

Schwarze entsprechen ihren Clichés nicht
Weiße entsprechen ihren Clichés nicht
Männer nicht, Frauen nicht, Schwulen nicht
Fremde, Behinderte, Obdachlose, alle nicht.
Niemand ist noch das, was er sein soll.

Und als ich die Verwirrung in allen Augen sah
dachte ich mir, wie fern wir voneinander sind
und doch so nah.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENFLUG

Wir standen auf den Wolken
Die Erde ist so klein
Denke ich mir während wir laufen
Langsamen Schrittes hoch über Länder
Ich habe nicht mal meinen Gedanken
Zu Ende gedacht
Schon sind wir am Zielflughafen gelandet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

SCHLAFLEID

Ob heute Nacht
unter einer Brücke
ein Obdachloser Sehnsucht
nach einem altgeliebten Lied verspürt
und es nur in seinem Gedächtnis
wieder hören kann, denn er hat weder
Handy noch Musikspieler noch Internet,
und er wird nostalgisch, dann traurig,
dann unruhig, nimmt seine sieben Sachen
und sucht sich einen Bahnhof
unter der Erde und dort
auf einer Bank unter dem grellen Licht
hüllt sich in einem dunklen Schlafsack – und schläft – ein…

Ob er, bevor er einschläft,
in seinem Kokon wie eine Raupe,
sein altgeliebtes Lied zu sich singt
und an einen Schmetterling denkt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PLATZ FÜR UNS

Er auf seinem E-Rollstuhl
Sie mit ihrem Rollator
Sie wollte einsteigen
Er wollte wenden und rausfahren
Kein Platz für beides, für beide.

Sie fangen an, zu streiten
Sie findet eine Ecke, er Platz
Der Fahrer legt die Rampe an
Er fährt aus der Straßenbahn raus
Sie setzt sich, in sich versunken

Neben mir sitzt ebenfalls eine Alte
Sie beobachtet alles wortlos, steigt
mühsam an der nächsten Haltestelle aus
Wir werden älter, die Welt jünger
Wir werden langsamer, die Welt schneller

Und wir werden ungeduldiger miteinander
Anstatt geduldiger. 

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung