Der geladene Himmel, schwül und hitzig, er hat es eilig heute Morgen - Wer kennt denn das nicht? Laut grunzend und stöhnend stürzt er sich auf die Erde, nimmt sie schnell und stürmisch in Besitz. Morgens ist sie ehe schon feucht. Das macht die Nacht mit ihr - Sie ist bereit für des Himmels volles Gewicht. Er leert sich in einem kurzen heftigen Guss - Wetterpoetisch nennen wir das einen regnerischen Morgen mit Donner und Blitz. Jetzt fallen nur noch die letzten Tropfen, die Hitze weicht einer weichen Brise, während die Vogelwelt ins Singen ausbricht. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Nacht
TRÄUMEN
Ich mag es - ich sag es - in der Nacht zu wachen und dabei langsam aufzuwachen Und wenn die Nacht genommen ist, geritten ist und gekommen ist, in den Tag, wie in einen Hafen, wieder einzuschlafen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
HINTER VERSCHLOSSENEN VORHÄNGEN
Ich öffne meine Seele wenn ich meine Vorhänge schließe Wenn keiner mich sieht bin ich am sichtbarsten Wenn ich verschlossen bin bin ich am durchsichtigsten. Nachts, wenn die Welt dunkel ist sehe ich am klarsten. Keine Stimmen trüben mich Keine Augen bedrücken mich Keine Gedanken belügen mich - Da bin ich am Wahrsten. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE NACHT IST LAUT DEM LEISEN OHR
Wie viele Stimmen wohnen im Dunkeln? Die Nacht ist laut dem leisen Ohr und hell wie Tag dem sehnenden Auge; holt mich runter und hebt mich empor. In dieser Nacht reisen Kinder elternlos, fliehen vor Krieg und finden Elend. In dieser Nacht frieren Menschen, obdachlos, manche fast vollständig aufgebend. In dieser Nacht schlagen einsame Herzen, allein oder zu zweit - ist beides gleich. In dieser Nacht wachen enttäuschte Menschen und Hoffnungsvolle, wund und weich. Wir alle werden die Stimmen hören in unseren Seelen, die Nacht am Reden. Hell und laut, doch werden sie nicht stören, ein Trost für jede, ein Trost für jeden. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FAST IMMER ALLEIN
Jeder ist fast immer allein
in fast jeder Menge –
Gleichart ist fast nur Schein.
Abendliche Spaziergänge
am uralten Main –
… gezogen in die Länge.
In die Ferne in den Rhein.
Hinter mir Glockenklänge –
Tiefsinnig ist das Menschensein.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SCHLAF GUT
Ich denke, wenn ich schlafe
Deshalb schlafe ich so gern
Ich schlafe mit wirren Gedanken ein, und
wache auf mit Klarheit in meinem Gehirn.
Denn Ihr wohnt alle in mir,
die ich einmal gehört hab
Ich brauche nur Stille, Schweigen, Ruhe
um Euch zu hören hinter Eurem Grab.
Da lebt Ihr, wo der Tod tot ist
Wo das Leben schon lange lebt
Und manchmal, wenn ich angeblich wach bin,
habe ich den Eindruck, mein wahres Ich schläft.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SELBSTGESPRÄCHE
Diese Gespräche abends
mit Erinnerungen in meinem Herzen
mit Hoffnungen, mit Sehnsüchten,
mit Reue und Nachdenken und Schmerzen.
Gespräche mit toten Freunden
mit Vorstellungen und Möglichkeiten
mit ner leeren Leere in Deiner Mitte
mit alternativen Selbstdarstellungen
mit Menschen, die weit weg sind
mit Träumen, die nie weg waren
mit dichten Gedanken und losen Empfindungen
Diese abendlichen Selbstgespräche
Für sie lohnt es sich, zu leiden
zu lieben, zu leben, zu verlieren –
Denn in diesen Momenten hörst Du,
hervorgelockt, Deine innere Stimme.
– Che Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WENN DU DEN SCHMERZ NICHT MEHR FÜHLST
Wenn Du den Schmerz nicht mehr spürst,
bist Du stark oder bist Du taub geworden?
Wenn Du die Nacht nicht mehr hörst,
bist Du hell oder bist Du taub geworden?
Oder wie soll ich das sonst sagen?
Ich lief durch den Tag, durch die Stadt
und sie fühlte sich nicht mehr fremd an.
Bin ich wach geworden oder bin ich tot?
Wie kann etwas einst neu und fremd
sich anfühlen jetzt wie eine Heimatstadt?
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GRAUE HAARE
All die Jahre waren Haare,
üppig und schön gemacht –
wurden grau und dünn und wenig
und jetzt sind sie weg
Nun steht die Zeit still
wie eine Glatze, widerspiegelt
das endlose Warten auf einen Zug,
der schon abgefahren ist.
Und die stille Zeit
wie die Stille Nacht
wird zum tiefen Meer der Erinnerung
und des Schöpfens ewiger Jugend.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
GEDANKENLOS
Du musst mich kurz vor Mitternacht erwischen
Nach dem ich die alten Gedanken
zu Ende gedacht habe
Und die neuen noch nicht angefangen habe
zu denken
Genau dann solltest Du mich treffen.
Alles, was ich in diesem Moment sage
und mache
und von Dir verlange
und Dir anbiete…
ist gedankenlos. Ist echt.
Und gehört nur diesem Moment.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
