FAST IMMER ALLEIN

Jeder ist fast immer allein
in fast jeder Menge –
Gleichart ist fast nur Schein.

Abendliche Spaziergänge
am uralten Main –
… gezogen in die Länge.

In die Ferne in den Rhein.
Hinter mir Glockenklänge –
Tiefsinnig ist das Menschensein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHLAF GUT

Ich denke, wenn ich schlafe
Deshalb schlafe ich so gern
Ich schlafe mit wirren Gedanken ein, und
wache auf mit Klarheit in meinem Gehirn.

Denn Ihr wohnt alle in mir,
die ich einmal gehört hab
Ich brauche nur Stille, Schweigen, Ruhe
um Euch zu hören hinter Eurem Grab.

Da lebt Ihr, wo der Tod tot ist
Wo das Leben schon lange lebt
Und manchmal, wenn ich angeblich wach bin,
habe ich den Eindruck, mein wahres Ich schläft.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTGESPRÄCHE

Diese Gespräche abends
mit Erinnerungen in meinem Herzen
mit Hoffnungen, mit Sehnsüchten,
mit Reue und Nachdenken und Schmerzen.

Gespräche mit toten Freunden
mit Vorstellungen und Möglichkeiten
mit ner leeren Leere in Deiner Mitte
mit alternativen Selbstdarstellungen

mit Menschen, die weit weg sind
mit Träumen, die nie weg waren
mit dichten Gedanken und losen Empfindungen
Diese abendlichen Selbstgespräche

Für sie lohnt es sich, zu leiden
zu lieben, zu leben, zu verlieren –
Denn in diesen Momenten hörst Du,
hervorgelockt, Deine innere Stimme.

Che Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN DU DEN SCHMERZ NICHT MEHR FÜHLST

Wenn Du den Schmerz nicht mehr spürst,
bist Du stark oder bist Du taub geworden?
Wenn Du die Nacht nicht mehr hörst,
bist Du hell oder bist Du taub geworden?

Oder wie soll ich das sonst sagen?
Ich lief durch den Tag, durch die Stadt
und sie fühlte sich nicht mehr fremd an.

Bin ich wach geworden oder bin ich tot?
Wie kann etwas einst neu und fremd
sich anfühlen jetzt wie eine Heimatstadt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAUE HAARE

All die Jahre waren Haare,
üppig und schön gemacht –
wurden grau und dünn und wenig
und jetzt sind sie weg

Nun steht die Zeit still
wie eine Glatze, widerspiegelt
das endlose Warten auf einen Zug,
der schon abgefahren ist.

Und die stille Zeit
wie die Stille Nacht
wird zum tiefen Meer der Erinnerung
und des Schöpfens ewiger Jugend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENLOS

Du musst mich kurz vor Mitternacht erwischen
Nach dem ich die alten Gedanken
zu Ende gedacht habe
Und die neuen noch nicht angefangen habe
zu denken

Genau dann solltest Du mich treffen.
Alles, was ich in diesem Moment sage
und mache
und von Dir verlange
und Dir anbiete…
ist gedankenlos. Ist echt.
Und gehört nur diesem Moment.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄCHTLICHE UNRUHE

Seit Stunden lauf ich hoch und runter
meinen Gedanken hinterher
die seit Stunden herumschwirren
meiner Empfindung hinterher
die seit Stunden versucht
mir irgendetwas zu sagen
doch ich höre nur mein Herz schlagen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEN TAG HÄUTEN

Geschichten sind Schichten
Hinter jeder liegt eine andere,
Wahrere,
Aber immer noch nicht das wahre Gesicht
des heutigen Tages.

Erst die Nacht wird den Tag häuten,
die Menschen in den Leuten
freigeben und frei deuten –
Alle Schmerzen, die der Tag gebracht,
werden herausgerissen in der Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DURCH DAS FENSTER

Ich höre Stimmen
in der Nacht

Sie spazieren unten
auf der stillen Straße
Eine flüstert, die andere lacht

Die Stimmen bleiben kurz stehen
bevor sie langsam weiter gehen
langsam werden aufgeschluckt
von der stillen Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DANKE FÜR DEN TAG

Danke für den Tag
für den Kampf mit mir selbst
für den magischen Wechsel zwischen Morgen und Mittag
für die Phasen, in denen ich mich vergaß,
denn genau dann war ich mein wahres Selbst.
Danke für die Trockenheit, die Nachmittag heißt,
denn ein Tag besteht aus vielen Welten.
Und wieder überraschte mich die Abenddämmerung,
ich weiß nie, wo sie herkommt …
noch weiß ich, ob es Wehmut oder Freude ist,
die ich empfinde, während ich
mit Augen zu schaue
mit Ohren lausche
mit Gänsehaut registriere
mit Herzen ahne,
wie der Abend langsam der Nacht weicht,
die von der Zukunft heran schleicht,
jede Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung