TRAUMWEG

Neulich entdeckte ich einen Pfad,
der durch mein Gedächtnis lief –
Er schien eine Erinnerung zu wecken,
die schon lange in mir schlief
und nun nach mir leise rief.

Neugierig folgte ich dem Pfad
im Gedächtnis und es lichtete sich
nur langsam mit jedem vorsichtigen Schritt.
Sein unbekanntes Ziel blieb nebelig,
mir so verschleiert wie mein altes Ich.

Ich lag im Bett, Augen zu, still
und lief im Gedächtnis immer weiter –
Plötzlich sah ich vor mir stehend, und
hörte … ein Pferd, eine Stimme, ein Reiter:
Folgst Du dem Weg oder dem Wegbereiter?

Der Pfad verschwand aus meinem Kopf
und die Frage nahm seinen Platz.
Ich erwachte aus meinem Tagtraum
und wiederholte mehrmals diesen Satz
und hütete es in meinem Herz wie einen Schatz.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

RÜCKFAHRT AUS TIROL

Der Weg ergibt sich aus dem Nebel
Tirol entkleidet sich schnell
entzieht sich dem feuchten Dunst
zwischen seinen Bergen
gibt den Weg frei, eine lange Schlange
und wendet sich unermüdlich
aus der Feier heraus, zurück ins Alte,
voran ins Neue.

Neben mir ein Fluss, der immer in ist,
nimmer out. Die Sonne erscheint zögernd,
es ist eine Wintersonne.
Langsam fallen die Berge zurück,
die Enge weitet sich, und
es liegt eine offene Welt wieder vor mir…
Mit Heimkehr steigt die Reiselust.
Mit Älterwerden, siehe, die jugendliche Lust.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUCH DU BIST EIN BAUM

Der Baum stand da
im Regen und in der Sonne
und sagte zu mir
Ich biete Schutz und Schatten an
Ich bitte und bettle selbst nicht
um Schutz und Schatten –
So viel Stolz habe ich.

Und ich antwortete
Aber Du brauchst auch Schutz –
Und der Baum sagte zu mir
Das ist Deine Sorge
Mich interessiert das nicht
Denn auch Du Mensch bist ein Baum
So viel Stolz musst Du haben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAUE HAARE

All die Jahre waren Haare,
üppig und schön gemacht –
wurden grau und dünn und wenig
und jetzt sind sie weg

Nun steht die Zeit still
wie eine Glatze, widerspiegelt
das endlose Warten auf einen Zug,
der schon abgefahren ist.

Und die stille Zeit
wie die Stille Nacht
wird zum tiefen Meer der Erinnerung
und des Schöpfens ewiger Jugend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREIBHAUSGEFÜHLE

TREIBHAUSGEFÜHLE

Treibhausplanet
Treibhausgefühle
Alle Geheimnisse werden heiss gekocht
Siedepunkt
Nervös, die Erde schwitzt
Es riecht nach Menschenschmutz
Alle Beteuerungen werden gelikt und gemocht
Während das Schmelzen schneller schmilzt
Gefangen, der Mensch, in dem Gewühle
Heiß und kalt
Treibhausplanet –
Auch wir sind seine Blüten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER HERBST HAT SEIN WERK GETAN

Der Herbst hat sein Werk getan
Plötzlich sehe ich Dinge,
die immer da waren, nur
habe ich sie vorher nie gesehen

Das Unveränderliche liegt verborgen
unter regelmäßig wechselnden Hüllen,
Farben die kommen und gehen,
schönen Lächeln, blumigen Worten,

veränderungsfreudigen Launen,
Masken die fallen und wachsen wie Blätter,
doch der Herbst entsorgt sie alle,
entkleidet grob und roh die nackte Wahrheit.

Und wenn sich die Zeiten ändern
und die Wortwahl sich ihnen anpasst
die Erscheinungs- und Wirkungsformen auch,
bleiben die Menschen das, was sie sind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE DINGE

Kleine Dinge
mit Herz und Hand gemacht
und sie fügen sich
wie Ringe
zur Lichterkette der Weihen Nacht
irdisch und geistig.

Wie jede kleine gute Tat
für Mensch oder Tier
für Natur oder Stadt
aus tiefstem inneren Gespür –
Auch wenn Du nichts dafür bekommst –
Es war nicht umsonst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE ANDEREN ERDWANDERER

Einst hatte ich Angst vor Tieren
und vertraute Menschen;
Jetzt habe ich Angst vor Menschen
und vertraue Tieren.

Wir sind nicht allein –
Lange bevor wir kamen
Lange nach dem wir wieder verschwinden
waren sie da, werden sie da sein…

Augen größer als Schweigen
Erinnerungen tiefer als Menschengedächtnis;
Wir wollen Tiere erziehen,
sie, unsere feinsten Lehrer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUSTART

Manchmal möchte ich
von Vorne alles wieder anfangen
wie die Natur es jedes Jahr macht

Ihre Blätter fallen lassen,
sich in tiefen Schlaf versetzen
aus der sie neugeboren erwacht

Alles beenden,
mich in die Tiefe zurück ziehen,
aus der mein Lachen neu entfacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TIEFER SEHEN

Wo die einen Tiefe sehen
blicken die anderen in die Leere
Wo die einen Strände sehen
freuen sich andere über die Meere
Wo die einen Profit sehen
sehen die anderen die Natur
Wo die einen Primitives sehen
fühlen sich andere Zuhause in ihrer Kultur.

Ich sehe nicht, was die anderen sehen:
Deine Augen, Deine Haare, was Du wiegst;
Ich sehe den langen Weg hinter uns
und den längeren, der noch vor uns liegt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung