SOLIDARITÄT

Manche haben alles verloren,
Hab und Gut und Erdenleben –
Jetzt schlägt die Stunde der Menschlichkeit,
damit sie die Hoffnung auch nicht verlieren.

Einige spenden Geld,
einige helfen mit Zeit und Tat.
Ein ehrlich sorgendes Herz ist alles,
was manch ein anderer hat.

Stunde des Missgeschicks
ist Stunde der Menschlichkeit –
Was der Schmerz uns genommen,
möge die Hoffnung uns zurückgeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WECHSELWIRKUNG

Der Gedanke kehrte zurück
voll beladen mit ähnlichen Gedanken
wie Kinder mit ihren neuen Freunden
nach langem Spielen, Raufen, Lachen, Zanken

Und sie umkreisten ihn
Und sie verwirrten ihn sehr
Denn er hatte den Gedanken mittlerweile vergessen,
erwartete nicht mehr seine Rückkehr.

Doch alles kehrt zurück,
das Gemachte und das Gedachte.
Doch alles schlägt zurück,
das Schicksal, die Erde, das Wetter, die Elemente.

Jetzt denkt er an ein Umdenken,
ein Hinaussenden neuer Gedanken,
ein neues Miteinander mit Natur und Mensch,
im fairen Leben Frieden nachhaltig tanken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SOMMERNACHTREGEN

Ich roch ihre Erregung,
angeregt von der Nacht,
die halbe Stadt hing raus,
ging raus und war draußen zu Haus.

Auf einmal kam der Wind
wie schnelle harte Atemzüge,
und ich roch ihre Aufregung –
die ganze Stadt eilte wieder nach Haus.

Doch nicht schnell genug –
Die Böden wurden feucht
Die Menschen wurden naß
und ich roch den dürstigen Regen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SACHTER NACHTREGEN

Ich könnte Dich
wiederholend
wieder holen

Dich zählen
wie die Regenperlen
heute Nacht

Dich dichten
Auf Mich verzichten
Laß die Nacht von uns berichten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNWETTER

Bahnwahnsinn
Heftiges Unwetter
rüttelt alle Reisepläne,
macht alle Reisende zu Obdachlosen.

Die Natur beruhigt sich
Die Reise geht weiter
Die Reisenden kehren zurück nach Hause
Die Obdachlosen bleiben

Die Frage nach dem Lebenssinn.
Heftige Schicksalsschläge
schütteln alle Lebenspläne,
machen manche Mitmenschen zu Obdachlosen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WALDSPAZIERGANG

Es schimmerte zutiefst grün im Wald
Es war dunkelgrün, schwärzer wie schwarz
Wo die Dunkelheit herkam, entging mir
Es war Mittag, die Sonne war hell und hart

Aus dem dunklem Untergrund
kroch vorsichtig wie ein Reh ein Gedanke hervor
Blieb mitten im Gefühlschaos stehen
Wir starrten uns wortlos an

Wir trennten uns wortlos von einander,
er zurück in die Tiefe meines Bewusstseins,
ich wieder in das helle Grün des Waldes,
wo ein Reh sich umdrehte und Heim ging.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDDÄMMERUNG

Der Tag stirbt in Stufen
In Schichten entkleidet sich der Abend
Etappenweise fällt nach und nach die Masken ab,
mit denen wir uns ablenken
vor unserer nackten Wahrheiten

Und bis die verschiedenen Phasen des Abends
wie geistige Besucher eingeschlichen und
wieder weggezogen sind, und die Nacht
wie ein Dieb eingebrochen ist,
erkennen wir den Tag nicht mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PANGAEA DER FARBEN

Irgendwann müssen wir uns treffen
da wo keine Farben sind
die uns voneinander trennen

Irgendwann müssen wir uns treffen
da wo alle Farben sind
und uns zueinander bekennen

Denn Pangaea, die einst sich auseinander nahm
und uns trennte und mit sich nahm,
zieht sich und zwingt uns irgendwann wieder zusammen
in die Arme von einander, wo wir ursprünglich herstammen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE STIMME AUS MEINER KINDHEIT

Er hat viele Namen,
wie ein Wanderer, der durch die Himmel rast
und überall sich in die Herzen der Menschen
einhämmert! –
Jeder denkt, er gehört nur ihm…
Doch er gehört einem unsichtbaren Geheimnis.

Wo ich herstamme, von den Igbo,
nennt man ihn Amadioha
Wo ich geboren wurde, bei den Yoruba,
nennt man ihn Sango
Wo ich lebe, unter den Germanen,
kannte man ihn als Donar

Den Indern Indra, den Chinesen Lei Gong
Den Slawen Perun, den Baltischen Perkons
Den Kelten Taranis, den Guaraní Tupa
Den Japanern Taijin, den Römern Jupiter,
Den Norden Thor, den Griechen Zeus –
… wurde mir gesagt und bezeugt.

Heute war er da !
– ich schwöre es –
in den blitzenden Himmeln über Frankfurt.
Ich habe seine lachende Stimme erkannt
im krachenden Donner im heutigen Regen,
wie eine Erinnerung aus meiner Kindheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUFLÖSUNG

Eine Landschaft, die darauf wartet
erkundigt zu werden – beeile Dich
sie ist flüchtiger als die Liebe
temporärer als eine Morgenempfindung

vergänglicher als die Chance selbst.
Begreifst Du das,
hast Du Dein Leben begriffen:

episodenhaft, ephemer, endlich.
Beschreite zügig Deinen Lebensweg –

flugs hat er sich wieder… aufgelöst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung