KRÄHE

Mitten im Stimmendschungel der Stadt
kräht eine Krähe im Vorbeifliegen -
Habe nur ich sie gehört? Anstatt
aufzuhorchen, redeten sie weiter. Glatt.
Ein Teil von mir ist auch im Lärm geblieben
Aber ein Teil von mir ist leise ausgestiegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LANGSAM NÄHER

Flügelschlag lautlos winkend
die Ferne langsam näher bringend
Der rosarote Abend absinkend
mein Herz zum Seufzen sanft zwingend
Der Natur Malerei austrinkend
Tränen meiner Seele auswringend
mich mit Dir und mit Schmerz verlinkend
Auf Abschluss wartend - dringend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ES HERBSTET

Es herbstet
als erstes
immer im Herzen

Die Empfindung färbt
die Gefühlswälder
durch Gedanken ernst
und reif und herb

Das Herz blättert
durch und weiter, fährt
hinein ins Gedächtnis.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERBSTSINN

Wollen wir älter werden
ohne jung gewesen zu sein?
Wollen wir jung bleiben
ohne reifer zu werden? Nein.

Wir wollen jung sein und alt,
Komplexität haben und Einfalt,
sowohl Haltlosigkeit als auch Halt -
herzenswarm und verstandeskalt.

Denn der Frühling erwacht in uns
Der Sommer ist unser rauschendes Blut
Der Herbst, dichtend, sinnt in uns
Der Winter ist unser werdender Mut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER NEBEL UND DER FLUSS

Es gibt keinen Unterschied zwischen
dem Nebel und dem Fluss
Der Main fühlt sich heute ein bißchen
so an wie ein Gefühlserguss
lässt sich nicht trennen von unserm Sinnen
Der Fluss ist da draußen, der Fluss ist hier drinnen
Der Herbst ist ein Genuss.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER HERBST IST NICHT TIEF GENUG

Schmerz. Der Herbst ist nicht tief genug.
Aber ein anderes Krankenhaus haben wir nicht
außer den bunt werdenden Bäumen im Zug
des reifer Werdens des Jahres als Gedicht.

Ein Schmerzlindernbaum ist ein Herbstbaum,
jedes Blatt ein Herzblatt aus Nebel und fadem Licht.
Geister flüstern wie Wälder in meinem Traum
und irgendwo dadrin, Gedächtnis, Dein Gesicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERBSTNARBEN

Wenn der Herbst kommt
komme ich an
Werden die Blätter bunt
zeige ich meine wahren Farben
Werden die Bäume nackt
seht Ihr meine schönen Narben
Vertrauen habe ich verlernt
In Deutschland irgendwann.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NACH DEM STURM

Immer
Nach dem der Sturm gewütet hat
Immer
Nach dem der Sturm sich gelegt hat
Immer
Ist es darnach so
Als wäre überhaupt nichts passiert
Immer
Ist es darnach so
seltsam still… sterilisiert… saniert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FREUDE SÜCHTIG

Freude
Süchtig machend
Flüchtig wie Dämmerung
Morgen und Abend

Dazwischen einmal die denkende Nacht,
Einmal der schaffende Tag. Einer lacht,
Eine weint. Beides ohne Freude gemacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN ENDE NAHT

Es ist jedes Jahr lustig
zu beobachten wie tückisch
der Sommer unter dem Anschein
noch eine Weile da zu sein
sich langsam zurück zieht
der Tag täglich früher flieht
die nachdenkliche Kühle beginnt
sich zu melden, das Herz besinnt
sich häufiger seine Sterblichkeit
und ahnt seiner Unsterblichkeit.
Noch ein bisschen Sommer und Spaß
bald kommt Herbst, Reife und Gravitas
zuerst bunt, dann nackt und blass.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung