WEGGEFÄHRTEN, MENSCHEN UND BERGE

Die Berge bücken sich
runter zu mir grüßen mich
Ich nicke zurück
eben so ernstlich
eben so freundlich
Schulter an Schulter fahren wir
Weggefährten waren wir
Doch wie bei allen Reisen
trennten sich unsere Gleisen
irgendwann. Sie blieben zurück
mit einem Rück -
und dachten vielleicht dasselbe von mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

NATURGEBUNDEN

Nur ein Wort heute
Freiheit
Nur ein Wort heute
Gebunden-sein
an die Gesetzmäßigkeit
der Natur
Denn das allein
ist Freiheit pur.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHWER GENUG FÜR MEIN GEWISSEN

Und wenn ich singe
höre ich Schmetterlinge
aber ich sehe sie nicht
Ich fühle ein helles Gewicht
schwer genug für mein Gewissen
hin und her ungerissen
Die Nacht ist sacht
Das Lächeln lacht
Mein zweites Ich erwacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FLUGUNTAUGLICH

Der Vogel ist in der Käfig
Er bewegt sich nicht mehr
Sein Blick ist stet und leer
Jeder Augenblick ist ewig

Die Käfigtür geht auf
Der Vogel bleibt stehen
Stunden, Tage, vergehen
Und Monate, Jahre, drauf

Die Tür bleibt weit offen
Der Vogel bleibt gefangen
Sein Verlangen ist vergangen
Er kann nicht mehr hoffen

Menschen, die sich nicht trauen
ihre Vergangenheit zurückzulassen
Gruppen, verwurzelt im Hassen,
die sich ihren Weg verbauen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHÖNE DINGE

Die kleinen schönen Dinge
Vorbei flatternde Schmetterlinge
Kunstvolle Brücken über winzige Täler
Märchenerzählerinnen und -erzähler
Morgendämmerung in einer neuen Stadt
Musizierende erwischen auf frischer Tat
Fremde Menschen lesen
Unsichtbare märchenhafte Naturwesen
Gedanken, die uns mit Höherem verbinden,
die kurz kommen und schnell verschwinden
Das Empfinden von Zuhause-sein
im geteilten Blick mit Deinem Schatzilein
Aber das Beste von allem ist
das Ahnen, daß Gott ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

FLÜCHTIGE DÄMMERUNG

Tag und Nacht
Getrennt durch die Zeit
Es weint und es lacht
die Unerreichbarkeit
der absoluten Vereinigung,
die Unerfüllbarkeit
sehnender Verschmelzung.

Getrennt sind sie
Getrennt werden sie
bleiben Tag und Nacht
sich küssend nur an der Peripherie
Herr Tag und Frau Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

AN GOTT DENKEN

Sonnenstrahlen gehen leise spazieren
morgens tief im leeren Laubenwald,
heben die Köpfe, die zitternd frieren,
und schieben sie in jeden dunklen Spalt
zwischen Wurzel, Äste und Zweige hinein,
grüne Blätter gibt es hier nicht mehr
oder noch nicht, die Januarluft ist rein,
ich sitze allein im Bus, allein ungefähr,
drei Mitfahrende sind auch hier drinnen,
meine Aufmerksamkeit gilt nur dem Wald,
sonnengestreichelt, und mein Sinnen
gilt Gottes allumfassendem zarten Gewalt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN SCHMERZ EINE BLUME WÄRE

Wenn Schmerz eine Blume wäre,
wären unsere Herzen Gärten -
Träume, die wir gestern nährten;
Sorgen, die in uns einst gärten
und uns das Hoffen erschwerten;
Der Verlust früherer Gefährten;
Alle blühten auf in unseren Gärten,
wenn Schmerz eine Blume wäre.

Tränen süß wie Regen,
die das Verlangen erregen,
die Sehnsucht nach dem Licht -
Ein Herz, das bricht … und aufbricht
dem Licht entgegen fieberhaft
mit tausendfacher Blumenkraft!

Wenn Schmerz eine Blume wäre,
wären unsere Herzen blühende Gärten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEWICHT

Manchmal spüre ich
das ganze Gewicht des Seins.
Alles Streben, alles Leiden, alles Sehnen
der Welt ist meins.
Alles, was meins ist, ist Deins.
Alles, was wir sind und haben,
stammt von Gott, ist SEINs.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KINDER UND BLUMEN

Er gießt täglich die Blumen,
geduldig wie Mutter Erde.
Die Kleinigkeiten sprechen Volumen
über das, was aus jeder einst werde.

Das Herz ist ein bunter Garten,
die Liebe ist der große Gärtner -
Nur hoffen, warten und erwarten
können Eltern und Kindergärtner.

Es gedeihen, welken, gedeihen
ihre Tugenden und Eigenschaften.
Fehlzüge, die wir ihnen verzeihen;
große Stärken, auch Leidenschaften.

Sie gießt täglich die Blumen,
geduldig wie Vater Zeit.
Kleinigkeiten sprechen Volumen
bei dieser liebevollen Arbeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung