Sie werden jetzt ihre getrennten Wege gehen Die, die ihr Blättergewand ausziehen und die, die unverändert aussehen Getrennt durch den Winter wie unzählige geschiedenen Ehen Bis im Frühling erfüllt wird das Versprechen des „Auf Wiedersehen“ Geh im Wald spazieren Bewundere dieses Geschehen Diese zwei Bäume im Winterrad Wie Fremde unterschiedlich drehen Reden nicht mehr miteinander schweigend, nur noch die Winde wehen… Dennoch bleiben sie die ganze Zeit ruhig nebeneinander stehen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Natur
HERBSTERWEITERUNG
Der Herbst, der Erinnert mich an mich Novemberherbst Novemberernst Warum das Blatt wenden, wenn Ich alle Blätter verlieren kann? Erleichterung Der Herbst, der Prophezeit mich zu mir Dezemberherbst Dezemberherz Nur wer alle Blätter verloren hat Hat das Blatt gewendet. Erweiterung. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NOVEMBERSCHNITT
Er macht es jedes Mal. Er schafft es, auf einmal Mich zu töten und ich bin tot Ohne Übergang. Wirklich tot. Die alte Person, die einst mein Ich war Wird zur Erinnerung, und zwar und zwar Zur kalten fernen Figur Mit mir fremder ungewöhnlichen Natur - War ich je das? Ist das wirklich wahr? November tötet mich, nicht jedes Jahr Aber immer wieder kommt der Schnitt Hart, endgültig beginnt ein neuer Abschnitt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER WINTER KOMMT
Der Donner ist stumm wenn er kommt Er schreit innerlich, schweigt winterlich Der Gedanke blitzt rauf und runter Der rauher Wind gähnt, kühl, und erwähnt Eine lose Stimme im Herzen jault es auch Geräuschlos hat sich die Welt verändert Der Herbst zieht sie aus, der Winter kommt Langsam. Alles braucht seine Zeit - Blumen, Liebe, Wunden und die kalte Jahreszeit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DER FRÜHLING UND DER SPÄTLING
Der Frühling und der Spätling, so wird ihnen oft berichtet, sehen und fühlen sich ähnlich - einer singt, was der andere dichtet. Wo unterscheidet sich Gestalt vom Inhalt? Der eine spiegelt, was der andere malt. Das Herz bleibt gleich, ob jung oder alt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE STERNE UND WIR
Die nachtkalten Graphitaugen der Fernen schielen abgehoben nach uns, nach der Vergeblichkeit unseres Tuns, unserer Sehnsucht nach ihnen, Sternen. Distanziert, wie einsam müssen sie sein? Denken sie oder denken wir? Wer Billionen Jahre lebt, ist ein Souvenir des Verlangens gefangen im All ganz allein, denken wir. Aber sie denken es sich anders. Wer keine Zeit hat, sich lang zu binden, lang zu teilen, lang Tiefe zu empfinden, ist dessen Leere, Einsamkeit, nicht besonders? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DES HERBSTES ERSTE GEFALLENEN BLÄTTER
Daß sie gelebt haben, vielleicht geliebt - Daß sie gestrebt haben, Sehnsucht gekriegt - Daß sie die Welt kannten und Abschied auch - Vor Freud und Leid brannten, Gefühl im Bauch - Daß sie ihr Alles gaben mit ganzer Kraft - Daß sie uns Tolles gaben, schöne Landschaft - Sehn wir ihnen an, wie sie friedlich da liegen, braun, welk, ihre Arbeit getan, friedlich abgeschieden. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE BLUMEN NEBENBEI
Ich habe seit Tagen die Blumen nicht mehr gesehen. Wo sind, welche Farben haben, wie riechen sie neulich? Auch sehende Augen sind blind, wenn das Herz nur Politik und Wirtschaft, nur Arbeit, Veranstaltungen und Gesellschaft im Sinn hat und den Draht zur Kultur verloren hat und, noch tiefer, zur Natur. Das Leben gewinnt man nicht, in dem daß man innentaub am Leben vorbei schwimmt. Jedem ist wahrer Reichtum gegönnt, egal wem, der täglich die Blumen nebenbei wahrnimmt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
VORBEREITUNG
Winter braucht neun Monate Frühling braucht neun Monate Sommer braucht neun Monate Herbst braucht neun Monate Um drei Monate lang die Mission zu erfüllen. Nimm Dir Deine Zeit. Du erhältst nur eine Chance. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
NEUE BLÄTTER
Schulter an Schulter stehen die Bäume während sie ihren Weg gehen durch die saisonalen Zeiträume Und alle Menschen die an ihnen vorbei gehen Wie schnell hören sie auf, wir auf, zu bestehen? Die Gesellschaft wandelt doch ihre Wurzeln bleiben bestehen Die Gesellschaft bleibt unverändert doch neue Blätter kommen und gehen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
