WUNDE STUNDE

Es ist jene Stunde erneut
der Selbstliebe
des Selbsthasses
der gesteigerten Triebe
des inneren Kompasses
der Hoffnungssiebe
des Ich-Strafmaßes
der Traumdiebe
des neuen Anlasses
die Wunde zu lecken, unbereut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MAHL ZEIT

Wäre die Zeit eine Mahlzeit
Wäre mein Appetit auf die Ewigkeit
In jedem Moment gestillt,
Mein Heißhunger nach dem Moment
Für alle Ewigkeit unerfüllt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZEILEN DA ZWISCHEN

Dein jedes Wort ist mir zwei
das Gesagte und Ungesagte
Zu zweit wären wir heimlich drei
zwischen uns läge das Ungewagte
und kommen und gehen wären einerlei.

Du antwortest mir das Ungefragte
mit Deinem rauen, mit Deinem rauen Schrei
Und mein Name war der Angeklagte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

OHNE EINMAL

Das innerste
innerlichste
intimste
Eindringen
Wieso geschieht das so oft
ohne einmal einen Kuss
oder Berührung
Nur Worte
und Augen-blicke
die alle Sicherheitskontrollen
mühelos passieren
und Dich erreichen
entwaffnen
besiegen.

Und eine unstillbare
Sehnsucht
hinterlassen
nach dem Unbekannten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWACH ABER STARK

Du kannst mit einem Menschen
tausendmal streiten

Von einem Menschen unzählige Male
verletzt und enttäuscht sein

Dich von dem Menschen hundertmal
trennen, schwören, Du bist jetzt allein

Dich an diesem Menschen anscheinend
ohne Erfolg ständig arbeiten

Seinetwegen gezwungen sein, Deine
Lebenspläne zu verschieben -

und ihn trotzdem unsterblich lieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS WÄRE WENN?

Du wirst Menschen treffen,
Viele davon,
Zahlreich wie prägende Gedanken –
Sie bleiben an Dir hängen,
In Dir eingemeißelt wie auf Stein.

Aber Du bist beweglich.

Und Du wirst am Ende, manchmal,
Die anderen stärker und häufiger
In Erinnerung haben – die Fastgetroffenen –
Die Ihr Euch lange angeschaut habt
Aber kein Wort miteinander gewechselt habt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKEN

Irrlichter tanzen schräg
Sie kennen komisch den Weg
Den komischen Weg
Wenn Du ihn mit mir gehst, vorsichtig
Zwischen unseren Gedanken tretend
Fänden wir den anderen weg, glücklich
Befreit des Moments, anders werdend.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUE HORIZONTE

Aus welchem Ozean bist Du gemacht?
Ich habe die Welt durchreist
Ich habe ihn nirgendwo gefunden
Und ich bin in sie alle eingetaucht
Alle durch durchschwommen
Alle geritten
Kenne sie alle von Innen
Habe sie alle kommen
Und gehen
Gesehen
Aber Du,
Du fühlst Dich anders an.
Aus welchem Ozean bist Du gemacht?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHTBUS

Die Nacht ist eine dunkle Tube
Zieht den Flixbus in ihre dunkle Grube
Meine Gedanken aus ihrer dunklen Stube
Fliegen heraus und erhellen die Autobahn
Die Reise kann beginnen ohne Plan
In Erinnerung, Hoffnung, Klarheit, Wahn
Die äußere ist der inneren Reise Untertan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGREISE

Wir flogen durch die Wolken ein Stück,
wie eine Idee durch unsere Gedanken zieht.
Wir blieben der Wolken als kurze Erinnerung zurück
und verschwanden wie eine Idee, die den Gedanken entflieht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung