Wie kann ein Mensch so viele Menschen sein? So viel am Kämpfen sein mit sich Selbst? Wie kann ein Jahr so viele Jahreszeiten sein? So viele Kalenderseiten sein in einem Etat? Wie kann das Weltmeer So viele Meere sein? So voll mit Leere sein und mit Leben schwer? Mit wie vielen Menschen bin ich verheiratet? Wie viele Eltern hatte ich? Mit wie vielen Liedern ist meine Gitarre besaitet? Schon wie viele Leben hatte ich? - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Phantasie
UHRZEIGER-SINN
Hörst Du den Tanz des Uhrzeigers?
Halb elf abends
trabend trabend
Die ganze Nacht hört zu, hypnotisiert.
Hörst Du Rap des Uhrzeigers?
Dreiundzwanziguhrfünfzehn
Mal mit mal gegen das korrupte System
Wie schön er rundum philosophiert.
Hörst Du das Trommeln des Uhrzeigers?
Halbe Stunde vor Mitternacht
Treu seinem eigenen inneren Takt
Ob gelobt oder kritisiert.
So will ich auch gehört werden
Im Schritt mit dem Zeitgeist, vorwärts.
Mein Herz schlagend für meine Taten
Meine Taten sprechend für mein Herz.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
BIS WEICH DU WIRST
Windige Tage fegen die salzgen Regentropfen aus meinen Seelenspiegeln - die vermengen sich mit meinen Süßwasserflüßen, überfluten Deine megastrengen leeren Strände bis weich Du wirst vor Fülle - Fülle an Durchdrungensein, Fülle an Erwachen, Fülle an Schmerz-begriffen-haben, Fülle an Gemeinsan-weinen-und-lachen. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KLOPF KLOPF
Klopf Klopf.
Klopft jemand an mein Herz
Oder klopft mein Herz?
Oder ist das ein und dasselbe?
Knopf Knopf.
Knöpft jemand mein Herz auf
als wäre es ein Hemd?
Oder schwillt der Inhalt meiner Brust?
Tropf Tropf.
Der Durst liegt mir auf der Zunge ~
Herz steht Kopf
und auf dem Sprung, Lunge voller Poesie,
Haut aufgetaut…
Geist ausgereist und dies gefunden:
Die Traute zum Trauen.
Die Liebe zur Liebe.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
OFFENE FRAGEN
Zwei Fragezeichen
drehen sich zueinander
offen für Antworten
offen für alles
Siehe da: sie sind ein Herz geworden.
Ein gebrochenes Herz
bereit zum Empfang –
Denn jeder Pfeil kam stets unversehens
der wie eine Frage aus Versehen
tief in seine Antwort drang.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ERGÄNZUNG
Wenn es etwas in mir wär,
das latent und schlummernd ist
und mein Verstand es vergisst…
Etwas, was komplett anders ist,
als das, was ich alles sonst bin,
und bestünde fast aus anderem Sinn
Eine verborgene Macht in mir drin
darauf wartend, geweckt zu sein,
flüsternd „Ich bin Dein, Du bist mein
ergänzendes Teil – Wir sind nicht allein.“
Wenn diese in mir wohnende andere Art
Form nehme würde, wäre sie zart,
zärtlich stark, weich, denn ich bin hart.
Es hätte Deine Art, das Gegenteil von mir –
Sähe aus und wäre wie Du ungefähr.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MUTTERMEER
Das Leben stieg aus dem Wasser heraus
Und machte sich auf dem Lande Zuhaus –
Und jeder See,
an dem ich sinnend steh –
Jeder Fluß,
an dem ich entlang laufen muß –
Am Meer,
am besten Strand ernst und leer –
spüre ich, wie das Leben in mir
zurück gezogen wird, Geburtsort, zu Dir.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
FENSTER UND SPIEGEL
Die Augen des Fremden. Sind sie Fenster oder Spiegel, wenn die Blicke ihre Siegel bersten? Spiegel sind schön und wichtig. Wie sollen wir sonst uns selbst entdecken? Vielschichtig wie wir sind und spielen immer, innere Kinder, Verstecken. Doch manch ein Spiegel war kein Spiegel, war immer ein Fenster, Aus- und Einblick entriegelt, ungeregelt verwirrend in eine andere Welt, verirrend aus und einsteigen, gefesselt. Nur… was, wenn das Fenster die ganze Zeit doch nur ein Spiegel war? Dann bist Du mein Zuhause, schön geheuer. Nur… was, wenn der Spiegel die ganze Zeit doch nur ein Fenster war? Dann bist Du mein rufendes Abenteuer. - Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MICH BEHAUPTEN
Als ich nach Deutschland kam,
starb ich –
Wie eine umgepflanzte Blume,
verdarb ich –
Um Verbindung als Gleichart vergeblich
warb ich –
Als Gespenst mitten in der Menge
stand ich –
Unsichtbar als Ich, und als Mensch
verschwand ich –
Trost bei weder Weiß noch Schwarz
fand ich –
Bis keine Farben mehr, keine Labels
sah ich –
Erst dann wie ein Ereignis mir selbst
geschah ich –
Nach dem langen Weg, wo ich verlor
beinah Ich
War ich es doch, der mich erfüllen musste –
Ja, ich.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
SEHNSUCHT VERWALTEN
Sehnsucht verwalten unsichtbar
Lachen behalten im Herz unvernichtbar
Vom endgültigen Verzagen unantastbar
Und niemals altern
Verlust ertragen und wieder aufleben
Liebe ver-geben und erneut vergeben
Nach Unerklärlichem lebenslange streben
Und niemals altern
Jede Lebensphase genießen tief
Krabbelnd, träumend, aufrecht und schief –
Binden locker und binden intensiv
Und egal wie das Leben windend verlief…
Niemals altern.
– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
