GEHEIMNISSE SIND SCHUTZHÜLLEN

Wo kann ich mein Geheimnis verstecken,
damit es vor Dir sicher ist?
Denn mein Herz gehorcht mir nicht,
wenn ich es zum Schweigen befehle.
Selbst ich war mal sein Geheimnis,
doch guck: Hier bin ich jetzt, sichtbar.
Mein Herz hat mich enthüllt und verraten.
Jeder kann mich lesen wie sein Tagebuch.
Wo kann ich nur mein Geheimnis verstecken,
damit es vor Dir sicher ist?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBHABER

LIEBHABER

Der Fluss rennt wie eine verrückte Frau
mit Beinen überall links und rechts geworfen
Bis er unser Tal erreicht
Dann auf einmal fängt er an zu tanzen
wie ein verrückter Mann
mit Beinen überall links und rechts geworfen.
Du siehst ganz deutlich den Unterschied
zwischen den zwei
und doch ist es der selbe Fluss.

Wenn unser Tal sein Höhepunkt ist,
dann ist es doch sein Gipfel.
Du siehst ganz deutlich den Unterschied
zwischen den zwei
und doch ist es das selbe Gefühl.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEISE BEWEISSTÜCKE

Selbst unsichtbare Füße
hinterlassen Abdrücke –
wie merkwürdig

Wichtig ist nicht die Wirkung
sondern die Auswirkung
Es gibt immer eine Rückwirkung

Selbst unausgesprochene Worte
bleiben laut im Gedächtnis
und sind Teil der Geschichte

Sie lauern zwischen den Zeilen
Als Lügen verkleidete Wahrheiten
Als Wahrheit verkaufte Lügen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KURZER REGEN

Die Wolken waren meine Gedanken
die ich von Dir fern hielt
doch wenn ich weine, rühren sie Dich

Aber nur kurz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTFREMDGESPRÄCHE

Bevor Du eine Fremdsprache lernst
halte inne und schau ein letztes Mal zurück
auf Dein altes Selbst
– denn nichts ist so lebendig
und so unwiderstehlich als die Macht einer Sprache
Dich unumkehrbar zu verändern –

Bevor Du anfängst, in einer Fremdsprache zu denken,
halte inne und schau ein letztes Mal
auf Deine alten Gedanken
– denn irgendwann ist die neue Sprache nicht mehr fremd
und Du wirst Dein altes Selbst nicht mehr kennen.

Bevor Du anfängst, mit den Worten einer Fremdsprache
Dein Innenleben auszuschreiben,
schreib es zuerst in Deiner jetzigen Sprache nieder –
denn die Fremdsprache wird Fremdes in Dir wecken
und Du wirst es nicht merken
denn die dazugehörige Sprache ist nun auch Deine geworden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUGZEIT

Wie tief ist das Loch
in dem wir seit der Geburt fallen?
Und fallen und fallen
und fallen und fallen –
Zwischen dessen grauen Wänden
unsere Träume hallen und nachhallen?
Die Echoes, wenn sie uns erreichen,
siehe, die sind scharfe Krallen!
Und wir fallen und fallen
und fallen und fallen
Bis zum Moment, an dem
wir gegen die Erkenntnis prallen,
daß wir die ganze Zeit Flügel hatten…
kurz bevor wir auf den Boden knallen!!
Oder nicht.
Spannt Eure Schwingen, hebt ab –
Adler. Tauben. Raben. Rallen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHATTEN UNSERER SELBST

Wir gingen wie
zwei verlorene Schatten
ohne Körper
einen Waldweg entlang
auf der Suche nach dem Licht
das uns auswarf.

Doch als wir das Licht fanden
verstanden wir immer noch nicht
warum wir Schatten waren
oder wo wir her kamen
denn ein Schatten ohne Körper
begreift sich selbst nie

Manche behaupten, Gott zu suchen
Wenn sie ihn finde
wissen sie nicht, wie sie ihm dienen sollen
denn sie kennen sich selbst nicht.
Wir sind alle Schatten
unserer Selbst.

Wie kann ich mich Dir geben
wenn ich mich nicht kenne?
Ich gebe Dir nur einen Schatten
meiner Selbst
und Du merkst nicht, daß Du mich
immer noch nicht kennen gelernt hast.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEHMEN

Willst Du es mir zeigen?
Mach Dein Fenster auf
Lass es offen stehen in der Nacht
Ich komme nach Mitternacht

Willst Du es mir geben?
Sperr Deine Seele auf
Lass mich nehmen, was ich will
Gib mir die freie Wahl

Willst Du es mir sagen?
Öffne Dein Tagebuch
Schließ Deinen Lügenmund
Ich lese Dich und reibe Dich wund
Die Wahrheit schreit aus Deinem Abgrund.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WENN DIE SEHNSUCHT STIRBT

Irgendwann habe ich keine Worte mehr
um über den Tod der Sprache zu singen;
Irgendwann macht es keinen Sinn mehr,
dem Fehlen von Sinn Aufmerksamkeit zu bringen;
Irgendwann gibt es keine Sehnsucht mehr,
und keiner wird es wahrnehmen wollen;
Denn ohne die Sehnsucht wird ihr Vorhandensein keiner wahrhaben wollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEINE INNENSEITEN

Seit ewig kein neues Buch gelesen
Selbst neue Menschen sind alte Bücher
Neue Medien erzählen verjährte Geschichten
Diese Gesellschaft war schonmal gewesen

Wer ein neues Buch lesen will
muß selbst neue Geschichte schreiben
Wer eine neue Gesellschaft haben will
darf selbst im alten Denken nicht verbleiben.

Manchmal will man ein altes Kapitel neu schreiben
Manchmal will man zwei unterschiedliche Endungen
Manchmal ist man selbst das Buch, das gelesen werden will.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung