SIRENEN

Polizeisirenen
Alle paar Minuten
Wie plötzliche Empfindungen
Die in mir durchblitzen
Mein Herz springt auf und
Auf zuckt mein Denken
Rennt der Sirene hinterher
Fragt sich, was hat diesen Einsatz ausgelöst?
Doch die Empfindung antwortet selten
Und der Kopf hört nicht auf, zu denken
Lange nach dem es um mich
Und in mir
Wieder still geworden ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VOLL ODER LEER

Wenn Du zufrieden bist,
Bist Du voll oder leer?

Wenn Du unzufrieden bist,
Bist Du voll oder leer?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SCHREIBTAFEL

Die Bücher, die mich lesen –
Wachsen sie auch wegen mir?
Die Seiten, die mich wenden –
Verlassen oder suchen sie mich?
Die Zeilen, die mich schreiben –
Sind sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Die Punkte, die mich halten –
Sammeln sie sich nur oder war‘s das?

Die Wege, die mich gehen –
Wann kommen sie endlich an?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SANDKORN

Sind die Planeten einsam?
Ein Sandkorn ist viel zu groß
Viel zu geräumig
Wenn ich mich verstecken will.

Du liest den Satz.

Aber Du siehst den Punkt hinter dem Satz nicht.
Doch da hättest Du stehen bleiben sollen
Und Dich in ihn vertiefen.
Das ist der Punkt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALLES IST POETISCH

Alles ist poetisch
wenn Du genau hinhörst
nach Innen gehst
leise wirst und nicht störst
im Widerhallhall der Götterstimmen
denen Du gehörst
wo Du nachsagend Freude singst
Schmerz trinkst, Treue schwörst
und zu Deinem Ich wirst –
Da wo sich im Dunkel und im Licht
alle Deine tiefsten Entscheidungen keimen.

Wenn Du dadrinnen bist
wirst Du leise sehen
daß der Zufall nichts macht
überhaupt aus Versehen
Die Spinnweben des Schicksals
erfassen jedes Vergehen
und die guten Absichten, die
manchmal auch dahinter stehen
und weben Dir im Handumdrehen
alles geschickt zu Deinem Lebensgedicht –
denn es wird sich zum Schluß alles reimen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

RÜCKKEHR INS LICHT

Ich wünsche mir manchmal
meine Gedanken wären Brücken
über die Ritter zu mir ins Tal
meines Lebens würden vorrücken

– ja, Ritter. Reiter. Retter.
Mit einem zusätzlichen Pferd
für mich, fit für jedes Wetter,
und Schild und Schwert

Ich brauche keine Antworten
denn ich habe keine Fragen
Sehnsucht habe ich, nach Orten
die so wirklich sind wie Sagen.

Dann würde ich los reiten
und meine Gedanken überqueren
denn zu denken ist zu leiden –
und zu träumen ist zurückzukehren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

LÄCHELN

Ihr Herz war ein aus Bambus
geflochtener Korb voll mit reicher Erde.
Es behielt das Lachen, ließ die Tränen
durchsickern aus jeder Beschwerde
und ihre Blumen nannten wir Lächeln.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER UNSICHTBARE FLUSS

Wenn ein Regenbogen farbenleer ist
wie ein hohler Becher ohne nichts
eine Sonne ohne Licht, sie erhitzt
heimlich und reimt sich stolz auf nichts

Du erlebst einen völlig leeren Tag
ohne Licht, Farbe, nichts. Doch zum Schluß
bist Du abends voll. Mit Wasser labst
Du Dich nicht, doch erfüllt Dich ein Fluß.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HERZSCHLAG

Ich stand in dieser großen Halle
teils Tempel, teils Saal und teils Höhle
wie eine riesengroße Glocke
doch es war meine leere Seele.

Und mein Herz und meine Hände
schlugen hart gegen die Innenwände –
Schaukle zart, liebliche Glocke
über Geist und Wesen, über Täler und Berge.

Auf daß die Seele sich füllen möge.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ANREGUNG

Wenn kurz der Regen ist
durstet in Dir die Blume
nach der äußeren Blume
denn die äußere Blume
ist der inneren Regen

Dann starrst Du aus dem Fenster
auf Deinen Garten und ahnst nicht,
wie hinter einem unsichtbaren Fenster
ein Fremder steht und schaut
auf den Garten Deiner Seele

Menschenblume,
nicht den Regen brauchst Du
sondern eine geistige Anregung
zum Wachsen, zum Aufblühen –
doch wahr nimmst Du sie nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung