EBBE

Ich war heute Watt wandern
Besuchte den Meeresgrund –
Und das Meer aus der Ferne beobachtete
Wie ich erkundete jeden Fund.
Muscheln und Austern und Krabben
Rund herum und gesund
Eine Auster wanderte in meinen Mund
Und verschwand in meinen Schlund!
Bin ich jetzt ihre Muschel und ihr Watt
Und mit dem Meeresgrund im Verbund?
Kommt nun das Meer mich auch besuchen
Und fluten meinen Herzensgrund? …

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE UHR UND DIE ZEIT

Die Uhr läuft runter
Doch die Zeit bleibt still
Wir werden älter und älter
Doch unverändert, unser Wille.

Che Chidi Chukwumerijee
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS WOLKENREICH

Che‘s Cloud Kingdom
Da wo sie sich alleine dünkten
Formten für sich die Wolken ein Reich
Mit schneebedeckten Bergen
Und schattigen Tälern
Und Silberseen
Und sonnenspiegelnden Wüsten
Und Dörfern und Städten und Häusern
In denen die Wolkenmenschen
Ihren Wolkentätigkeiten nachgingen…
Und über ihnen strahlte wonnespendend
Eine verklärte Sonne
Und wir flogen so leise vorbei, wie wir konnten
Und ich hoffte, daß wir die Sonnenmenschen
Nicht störten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN KLEINER NACHTREGEN

Als wäre es ein Argument
überschlagen sich die Regentropfen
mit scharfen harten Pointen

Ich verstehe nichts
wenn Ihr gleichzeitig redet

Als hätte er mich gehört
hört der Regen mit einem Schlag
plötzlich auf…

Nein…
Er hat nur innegehalten –

Nun fallen die Tropfen wieder
Sie streiten nicht mehr
Sanft, versöhnend besänftigen sie mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWER ZU SAGEN

Ich lief auf Zehenspitzen
auf einem Regenbogen
und er trug mich mühelos
schwerelos, ja sogar gewichtlos

Ich griff nach einer Wolke
und sie war fest wie ein Fels
als wäre ich die Wolke fast
und, weniger noch, ein Ich ohne Sein

Ich saß rittlings auf einer Welle
und ich durchbrach die Oberfläche nicht
sondern sie beförderte mich auf leichten Füßen
und setzte mich auf die Schwelle…

…deines Herzens. Doch all meine Leichtigkeit
lag schwer, schwer, schwer wie Blei
auf Deinem Gewissen, und ich sank
wie Stein im Treibsand Deiner Unzufriedenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANTIPHONISCH

Himmel und Erde
Wolken und Seen
Träumen und Leiden
Kommen und Gehen
Wie Treffen und Trennen
Im Wechselgesang

Meinungen, die nach Meinung fragen
Tiefen, die aus der Schalheit ragen –
Welche sind die menschlicheren Plagen?
Vertragen oder Zanken?
Wie Empfindungen und Gedanken
Im Wechselgesang.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HEUTE NUR HEUTE

Morgen ist schwanger,
Schwanger mit Gestern
Und mit Übermorgen

Nur Heute wird Morgen fehlen
Denn er ist schon da
Und kommt nimmermehr zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JEDES WORT

Es schlummert unüberhörbar
In jedem Wort ein Gedicht –
In jedem einzelnen Wort …

Denn jedes Wort ist ein Wörterbuch
Ein Hörbuch
Und der Poesie ein Hort

Dein Wort redet für Dich
Und redet für sich
Im stillen schönen inneren Ort.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN DIE SONNE

Die Sonne ist nicht gelb
Die Sonne ist nicht gold
Die Sonne ist nicht rot
Und nicht orange

Das Feuer da oben
Lebte mal in mir
Es war Schmerz, es war Sehnsucht
Es war Freude und tief schwarz

Eines Nachts ging es in Flammen auf
Explodierte, brannte mich nieder
Nun stürmt es täglich auf und nieder
Wie Blut im Kreislauf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄHER ALS GEDACHT

Die Ferne tut weh
Doch die Nähe noch mehr
Fernweh ist übertrieben
„Nahweh“ ist schwerer zu ertragen

Was habe ich in der Ferne verloren?
Alles, was uns quält, und heilt,
Alles, was uns einengt, alles, was uns befreit
Es ist alles hier. Hier und jetzt.

Das Fremde weilt nicht in Übersee
Das Eis ist immer der kältere Schnee
Am meisten tut die Nähe weh.
Und die unerfüllte Sehnsucht danach.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung