EIN KLEINER NACHTREGEN

Als wäre es ein Argument
überschlagen sich die Regentropfen
mit scharfen harten Pointen

Ich verstehe nichts
wenn Ihr gleichzeitig redet

Als hätte er mich gehört
hört der Regen mit einem Schlag
plötzlich auf…

Nein…
Er hat nur innegehalten –

Nun fallen die Tropfen wieder
Sie streiten nicht mehr
Sanft, versöhnend besänftigen sie mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWER ZU SAGEN

Ich lief auf Zehenspitzen
auf einem Regenbogen
und er trug mich mühelos
schwerelos, ja sogar gewichtlos

Ich griff nach einer Wolke
und sie war fest wie ein Fels
als wäre ich die Wolke fast
und, weniger noch, ein Ich ohne Sein

Ich saß rittlings auf einer Welle
und ich durchbrach die Oberfläche nicht
sondern sie beförderte mich auf leichten Füßen
und setzte mich auf die Schwelle…

…deines Herzens. Doch all meine Leichtigkeit
lag schwer, schwer, schwer wie Blei
auf Deinem Gewissen, und ich sank
wie Stein im Treibsand Deiner Unzufriedenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANTIPHONISCH

Himmel und Erde
Wolken und Seen
Träumen und Leiden
Kommen und Gehen
Wie Treffen und Trennen
Im Wechselgesang

Meinungen, die nach Meinung fragen
Tiefen, die aus der Schalheit ragen –
Welche sind die menschlicheren Plagen?
Vertragen oder Zanken?
Wie Empfindungen und Gedanken
Im Wechselgesang.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HEUTE NUR HEUTE

Morgen ist schwanger,
Schwanger mit Gestern
Und mit Übermorgen

Nur Heute wird Morgen fehlen
Denn er ist schon da
Und kommt nimmermehr zurück.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JEDES WORT

Es schlummert unüberhörbar
In jedem Wort ein Gedicht –
In jedem einzelnen Wort …

Denn jedes Wort ist ein Wörterbuch
Ein Hörbuch
Und der Poesie ein Hort

Dein Wort redet für Dich
Und redet für sich
Im stillen schönen inneren Ort.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN DIE SONNE

Die Sonne ist nicht gelb
Die Sonne ist nicht gold
Die Sonne ist nicht rot
Und nicht orange

Das Feuer da oben
Lebte mal in mir
Es war Schmerz, es war Sehnsucht
Es war Freude und tief schwarz

Eines Nachts ging es in Flammen auf
Explodierte, brannte mich nieder
Nun stürmt es täglich auf und nieder
Wie Blut im Kreislauf.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄHER ALS GEDACHT

Die Ferne tut weh
Doch die Nähe noch mehr
Fernweh ist übertrieben
„Nahweh“ ist schwerer zu ertragen

Was habe ich in der Ferne verloren?
Alles, was uns quält, und heilt,
Alles, was uns einengt, alles, was uns befreit
Es ist alles hier. Hier und jetzt.

Das Fremde weilt nicht in Übersee
Das Eis ist immer der kältere Schnee
Am meisten tut die Nähe weh.
Und die unerfüllte Sehnsucht danach.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENFLÜSSE

Azurwiesen
Smaragdhimmel
Immermeere
Gedankenflüsse
Wiedergeburtstage
Erinnerungsbrisen

„Ist alles gut bei Dir?“
„Ja, ich warte auf
den Schluß – und
Abschluß – und
Verschluß – und
Entschluß… des Gedichtes.“

Aber vielleicht war das schon –
Wie das Ende einer Beziehung
Das Absterben einer Freundschaft
Das nächste Kapitel in Deinem Leben –
Schon längst da
Nur weißt Du es noch nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

OFFEN FÜR ANTWORTEN

Die Grenze stand an mir
Und konnte mich nicht überqueren
Denn egal wie sehr sie sich verschloß
Blieb ich offen…

Offen für weniger, offen für mehr
Offen für Antworten, die zu mir heimkehren
Und jede Antwort, die sich mir erschloss
Ließ mich weiter hoffen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

GLOCKE

Sprache
Abgekoppelt von Kultur
Geht auf eine Reise um die Welt
Und in die Innenwelten fremder Menschen

Weltenwanderer
Mit was wirst Du zurück kehren?
Als was wirst Du zurück kehren?
Vollbeladen oder ausgeschöpft?

Sprache ohne Geschichte
Reist in die Zukunft hinaus
Und wird zur Sprache, mit der
Geschichte geschrieben wird.

Eine Glocke klingt, singt, spricht
Erweckt in Dir Deine innere Glocke…
In welcher Sprache auch immer sie ausbricht
Bleibt sie ewig die selbe Glocke.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung