FLUGS EMPFINDEN

Ich sah aus dem Fenster heraus
Still war der Flügel
Still umrundeten wir die Kugel
Still stand am Rande der Bühne
der unerreichbare Empfindungskreis
am Ende des Tunnels –

und so langsam wie wir flogen, genau
so langsam versank er zurückgezogen
zurück in die Zukunft.
Gedanken, die uns fast einfallen
aber nie ankommen. Empfindungen,
die Empfindungen bleiben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WIE VIELE MEILEN ZUR OASE?

Wie viele Meilen bis zur Oase?
Ich renne und brenne und trenne
mich immer noch nicht von der Wüste.
Wie viele Wellen bis zur Ekstase?
Ich reite und gleite und verbreite
Wonne ungenügend für meine Gelüste.
Wie viele Zeilen bis zur letzten Phrase?
Ich schreibe und treibe und bleibe
auf der Seite, wo ich die Liebe küsste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE KINDLICHE WELT

Es war einmal eine Fee
So unsichtbar wie ein Gedanke
Genau so spürbar auch
Wie unausgesprochen Bitte oder Danke

Und so wie Du nicht nur
einen Gedanken vergisst, sondern
auch vergisst, daß da mal
ein Gedanke war, bleibt die Fee fern

unserer Erinnerung, unserem Begreifen,
unserem Begriffsvermögen und
Begreifenkönnen; äußert sich
nur noch aus dem kindlichen Mund.

Lebt und spielt, lächelt und lacht
in der kindlichen Welt
und winkt zum Abschied, wenn das Kind
zum harten Erwachsenen sich entwickelt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

OSAKA

Asien! Ich schmecke Dich
wie Blut in meinem Herzen
Rieche Dich wie eine Erinnerung
an heimatlich duftende Kerzen
als Du mich grüßtest im Winter
mit Frühlingsgeburtsschmerzen
denn Kirschblüten im Februar
sind diese hohen feinen Scherzen
mit denen Japan sich verewigt
in unseren reinkarnierenden Herzen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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WEITERDENKEN

Denk an einen Vogel
der lange alleine fliegt
und da fliegen denken ist
denk an einen Vogel
der lange alleine denkt

Sein Herz war seine Navigation.

Und so flogen wir von Frankfurt nach London
und kamen immer noch nicht an
Die Maschine rollte zur Parkposition
und wir flogen noch in der Luft
und steigen nimmer aus

denn unser Herz ist unsere Navigation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KRISTALLENGEISTER

Die Welt ist voller Schatten
einfach nur weil
wir keine Kristallen sind

Noch nicht.

Das Zeitalter wird kommen
da werden Menschen
vom Licht getroffen
nicht Schatten werfen
sondern Farben

die allerschönsten Farben
des Lichtes

Lichtdurchlässigkeit
Freude zu lassen
Wissen teilen
Liebe weiter- und zurückgeben

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ZEITGEISTER

M: Wir reden übermorgen

H: Was wollen wir über morgen reden? Laß uns doch lieber über heute reden?

G: Ne, laß uns über gestern reden. Dann wissen wir Bescheid über heute und morgen. Denn vor gestern gab es keine Geschichte. Alles fing immer gestern an.

M: Alles gut. Doch laß uns das erst übermorgen machen. Denn heute will ich erst über morgen reden.

H: … und morgen erst über heute?

M: Ja!

G: Aber das wäre dann gestern… endlich!

H (*kopfschüttelnd): Was soll ich täglich mit diesen Selbstgesprächen? Gestern und Morgen gibt es nicht. Eines gab es, eines wird es geben. Täglich. Heute bin ich ein Einzelkind. Wie immer.

SCHWEIGEN.

Che Chidi Chukwumerije (08.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ABHEBEN

Wir stehen.
Die Wolken nicht.
Die Startbahn sticht
mich zum Gedicht.
Der Kapitän spricht.
Das Flugzeug bricht
auf ins Himmelslicht.

Che Chidi Chukwunerije (31.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE SPRACHE DER FREMDEN

Frag mich nicht warum
Darum liebe ich die deutsche Sprache
Sie ist unerklärlicherweise
Die Aussprache meiner inneren Stimme.

Che Chidi Chukwumerije (25.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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DIE OBERFLÄCHE DER TIEFE

Manche Ringe sind so tief
Du musst sie auf die Oberfläche ziehen
Um sie anziehen zu können
Manche Wälder sind so wild
Du musst sie als Gärten erzählen
Um sie begreifbar zu machen
Manche Schmerzen sind so lähmend
Du musst sie lächelnd ignorieren
Um sie ungestört in Dir wüten zu lassen
Einst liebte ich die Tiefe
Verpönte die Oberfläche
Bis die Tiefe mich verriet
Und die Oberfläche mich tröstete
Vorübergehend und oberflächlich zwar
Doch genau richtig für dort
Wo ich innerlich gerade war.

Che Chidi Chukwumerije (23.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
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