DER HERBST LÄSST LOS

Ich verzeih Dir
Und gedeih in Dir
Gerade deshalb.

Verzeihung ist Macht
Davon wissen ist Macht
Ebendeshalb.

Macht es Dich leicht
Ist es vielleicht
Der Grund weshalb

Du im Herbst gedeihst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SPIELENDE KINDER

Die blauen dünngeschnittenen Windscheiben -
Das Mädchen, wenn ihre Finger ihre Augen reiben,
sieht den Wind vorbeilaufend in allerlei Gestalt.
Nichts ist vielfältiger als die kindliche Einfalt.

Es dreht sich zum Jungen neben ihr, leidenschaftlich
erzählend von blauen Windscheibchen selbstverständlich.
Er korrigiert sie freundlich, Ja sie sind dünn
Aber blau sind sie nicht, sieh doch: sie sind blaugrün!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JETZT SCHON WISSEN

Wissen.
Ich werde Dich vermissen.
Bereits wissen. Noch bevor ich Dich finde.
Noch bevor ich mich mit Dir verbinde.

Ich habe dieses Wissen
Aus meinem Gewissen
Herausgerissen.

Nun kann ich es nicht mehr vergessen.
Und suche Dich weiter unterdessen.

Das solltest Du jetzt schon wissen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FRANKFURTS ERSTER SCHNEE

Ich sah Frankfurt
intimer als je zuvor
Ich liebte sie sofort
obwohl ich dabei fror
in ihrem engen Brautkleid
in ihrer Freude, in ihrem Leid
lautlos leistend unseren Eid.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER WINTER KOMMT

Der Donner ist stumm wenn er kommt
Er schreit innerlich, schweigt winterlich
Der Gedanke blitzt rauf und runter
Der rauher Wind gähnt, kühl, und erwähnt
Eine lose Stimme im Herzen jault es auch
Geräuschlos hat sich die Welt verändert
Der Herbst zieht sie aus, der Winter kommt
Langsam. Alles braucht seine Zeit -
Blumen, Liebe, Wunden und die kalte Jahreszeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS ICH AN DIR MAG

Danke, Tag,
Ich mag Deine Art
Wie sie zart mich annahm
Aber zahm warst Du nicht
Wie ein Gedicht vielschichtig
Wer unvorsichtig Dich aufmacht
Spürt die Macht Deiner Willkür
Nur eine Tür - Feinfühligkeit -
Sichert Deine Gefügigkeit. Das
Ist das, was ich an Dir mag.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSRE KLEINE NACHTMUSIK

Wenn wir wollen,
können wir, sollen
wir stöhnend in Mollen
Liebe machen.

Schlafen und aufwachen
und weitermachen und lachen,
in unsrer Nachtmusik verschollen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DECKMANTEL

Orange könnte gelb oder rot oder braun sein
Entschied sich nachdenklich aber für orange

Meine orangene Decke könnte
eine Umarmung, ein Mantel oder ein Dach sein
Entschied sich aber feinfühlig dafür,
eine Decke zu sein

Mein Deckmantel könnte eine Geschichte,
ein Gesichtsausdruck, eine Verhaltensweise
oder sogar eine Beziehung sein -

Aber er entschied sich dafür
einfach nichts zu sein.

Und dadurch alles.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE NACHT IST MEINE

Die Nacht ist meine Freundin
Sie trennt sich von mir jeden Morgen
versöhnt sich mit mir wieder jeden Abend
schenkt philosophische Ohren meinen Sorgen.
Wie eine Wand, undurchdringlich
schiebt sie sie zwischen mich und gestern
macht mich bereit für die Zukunft täglich
als wären sie und meine Seele Schwestern.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LICHT AN LICHT AUS

Licht an, Licht aus
Adlergeist, Vogelstrauß
Dann gehen wir alle zurück nach Haus.

Als das Licht noch an war
Und Dein Adlergeist wach und klar
Wie stellte sich Dir Deine Zukunft dar?

Sahst Du uns in diesem Moment:
Ein Herz, das rennt; eins, das den Weg kennt,
Und einen Schmerz, der die beiden trennt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung