Wie viele hat er damals umgebracht? Schwer zu sagen - er hat nicht gezählt. Hat er jemals danach an sie gedacht? Schwer zu sagen - er hat nie erzählt. Es war halt ein Krieg. Es zählte nur der Sieg. Wie es heute in seinem Gewissen aussieht, behält er für sich. Ein Verlangen, das stark anzieht, brennt in seinen Augen wie ein Schrei aus seinem Gemüt. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Schicksale
WO AUCH IMMER ES HEUTE IST
Als sie jünger war wurde sie schwanger, es war ein Wunder, daß sie, kaum ein Teenager, überlebte und je älter sie wurde, auch gesunder wurde, nachdenklicher dazu, schöner und reifer. Lachte viel und heiratete die Liebe ihres Lebens und sie hatten drei Kinder. Aber manchmal, plötzlich, wird sie stiller, ruhiger, und schickt innig Gedanken an ihr viertes Kind, das heißt, an ihr erstes Kind, das sie als Teenager zur Adoption einst freigab. Wo auch immer es heute ist, möge Gottes Segen es schützen auf allen seinen Wegen. Amen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
LIEBE ALS RATTENFÄNGER
Ich habe von Menschen gehört, die ahnen, daß es nicht funktionieren wird, dennoch gehen sie wie getrieben der Liebe Bahnen entlang, hoffend es wird funktionieren doch - und verenden gefangen in einem Loch. Was ist diese Macht, die uns dazu zwingt zu tanzen, obwohl die Liebe nicht singt und nur die Musik des Rattenfängers klingt? Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ALLE WEGE FÜHREN DORTHIN
Du kannst mich nicht aufhalten, wenn Du nicht weißt, wo ich hin will - Vielleicht will ich mich genau dort aufhalten, wo Deine Lüge mich hinhalten will - Dasselbe Wort, das mich belasten soll, tilgt stattdessen mein Haben, erhöht mein Soll. Das, was mich verwirren, desorientieren will, lehrt mich alles, was ich über Euch wissen soll. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
AN EINEM BAHNSTEIG ZU STEHEN
An einem Bahnsteig zu stehen, allen Wartenden ins Gesicht zu sehen - Wo wollen wir alle einzeln hingehen? Züge kommen, im Handumdrehen scheiden wir uns, wie viele Ehen, steigen um ins nächste Geschehen und werden uns alle nie wiedersehen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
REINKARNATIONSGRUND
Die Anzahl an verschiedenartigen Dingen, die an einem Tag geschehen können; Du kannst den Tag damit verbringen, Dich für ein Hundert Leben zu versöhnen. Denn trotz allem will Gott Dich schonen. Es reimt sich nicht ganz genau, ist aber nah genug, um zu funktionieren; In der Wirkung stimmt es haargenau. Du musst Dich an alles nicht erinnern, Du musst nur richtig reagieren. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
ES HÖRT NICHT AUF
Es hört nicht auf Der Lebenslauf Tun ist Ankauf Der Gerechtigkeit Strahlen So langsam sie mahlen Einmal musst Du zahlen Nacht ist kein Ende Gräber sind keine Wände Nur Reue bringt die Wende. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
KURZE BEGEGNUNGEN
Begegnungen, die kurzen und die vergänglichen, weil intensiv, mutieren zu unendlichen Erinnerungen. Nicht die Länge der Geschichte, sondern die Tiefe der ihr innewohnenden Gedichte, weckt die ewigen Empfindungen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DAS STILLSTEHENDE ZIMMER
Die Jahre fliegen vorbei wie im Traum Schwindelig wird‘s dem Mitreisenden kaum Wie in jedem Zimmer so in jedem Zeitraum - Still, bis empor Du kletterst Deinen Schicksalsbaum. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DAS UNGEWÖHNLICHE
Nimmer endende Geschichte Dreitausendsechshundertundfünfzig Gedichte Und mehr Gedanken, als ich zählen kann, Ein Innenleben, von dem ich erzählen kann, daß es ein nimmer endendes Neigen ist zum Emporsteigen, weil Geist eigen und artig ist Und weil die Ewigkeit täglich entsteht, während Dein Leben täglich zuneigen geht. Wer Zauber ernten will, der säet, der säet… Ungewöhnliches, weil Eigenartiges. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
