DER TIEFERE TROST

Ich kann es mir nicht leisten
stehen zu bleiben um meinen Schmerz zu verarbeiten
Auf mich wird gewartet
Ich repräsentiere

Ich kann es mir nicht leisten
Inne zu halten um meine Wunden zu versorgen
Auf mich wird gewartet
Ich repräsentiere

Ich kann es mir nicht leisten
unnötige Fehler zu machen
geschweige denn zu wiederholen
um daraus zu lernen
Ich habe dafür keine Zeit

Ich repräsentiere jemanden
den Du nicht siehst, obwohl er da ist
den Du nicht verstehst, obwohl er deutsch spricht
den Du nicht schätzt, obwohl er mehr ist
Und er wartet auf mich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINE HEILENDE NACHT

Ich brauche einmal wieder
eine tiefe Nacht
eine ruhige Nacht
eine richtig dunkle Nacht
in der die einzige Lichtquelle
die Flamme in mir ist.

Mitmenschen, Mitflammen,
trefft mich unten am Main -
lasst uns wie Sterne
eine Runde drehen in der Nacht
und die Innenwelt sichtbar machen
für andere Flammen wie uns.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

COMMUNITY

Community
Weil wir sonst noch unsichtbarer werden
Community
Weil wir sonst noch ungeschützter sind
Community
Weil wir sonst noch einsamer werden
Community
Weil wir eh bereits eine sind.

Wir sprechen die selbe Sprache in allen Sprachen
Und alle Sprachen in der selben Sprache
Wir verstehen das Unausgesprochene
Und sprechen das Unverstandene aus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZU HAUSE

Herz so groß
Kein Platz in Worten
Empfindungen
Wird Geist immer horten
Erfahrungen
Aller Tiefen, aller Sorten
Zu Hause Zuhause
Und in tausend anderen Orten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSICHTBARKEIT

Diese Haut
lenkt zu sehr ab
vom Wesentlichen

Der eine will mir helfen
Der andere mich schaden
wegen meiner Hautfarbe

Die eine will mir Unverdientes schenken
Die andere Verdientes mir vorenthalten
wegen meiner Hautfarbe

Der eine erwartet unmittelbaren Zugang in mich
Der andere lehnt mich instinktiv vollständig ab
wegen meiner Hautfarbe

Die eine verarbeitet mich nur mit Vorurteilen
Die andere verarbeitet mich überhaupt nicht
wegen meiner Hautfarbe

Der eine verlangt nur Perfektion von mir
Der andere erwartet nur Unfähigkeit von mir
wegen der Hautfarbe

Die eine glaubt, mich vollkommen zu verstehen
Die andere hält mich für unverständlich
wegen meiner Hautfarbe

Und bei alledem
fühle ich mich nur
ungesehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NACHT(ENT)FALTER

Müde.
Aber nur ich, nicht die Muse.
Nacht. Ruhe.
Zuhause. Nicht ich. Nur die Schuhe.
Ich gebe mir Mühe
ruhig zu bleiben
denn meine Gedanken treiben
mich dazu, dies nieder zu schreiben:
Blühe, Selbst, blühe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ABENDLICHES NACHDENKEN

Das Wesentliche.
Ich schaffe es nie,
am Ende des Tages,
den Tag abzustreifen
auf der Suche in mir
nach dem Wesentlichen.

Es bleibt alles in mir,
die Gefühle, Empfindungen,
Gedanken, die Erinnerungen,
die Menschen. Alle kommen
ein letztes Mal zusammen und
bereichern das Wesentliche in mir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VEREINFACHUNG

Bist Du mutig?
Fragt mich die Innere Stimme -
Bin ich.
Dann höre auf mich - das ist Mut.
Zeige Dich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIE FRÜHLING

Ich lasse mich nicht herunterziehen
Wäre ich kein Mensch, wäre ich der Frühling
Täglich mich hochziehen, mich anziehen
Du darfst mir dabei zusehen
In mich hineingehen
Kraft holen, in die Welt hinausziehen
Farbig, färbend, drängend wie Frühling.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BEFRIEDIGT

Wenn Du zu viele Nächte geantwortet hast
Wie sollst Du den Tag noch fragen?

Wenn Du zu viele Innenleben bekommen hast
Wie sollst Du das Äußere noch jagen?

Wenn Du zu viel Wahrheit erlebt hast
Wie sollst Du Geschichten noch verehren?

Wenn Du zu viele Herzen gegessen hast
Wie sollst Du Körper noch verzehren?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung