DER GESCHMACK DES ENDES

Wie oft schon liefertest Du
den zweiten Schlag
und bereutest es bereits
am nächsten Tag?

Wie oft schon ertrugst Du
den letzten kuss
und littest, denn es schmeckte so
sachlich wie ein Muß?

Irgendwas hat sich geändert
Die Welt wird nimmermehr dasselbe sein
Das alte ist vergangen

Kein’ zweiten Schlag, kein’ letzten Kuss
Zieh einfach weiter mit neuem Geist
und reinem Verlangen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WECHSELBEZIEHUNGEN

Durch meine Kinder wurde ich als Deutscher neu geboren
Meine Kinder sind als Deutsche meine Eltern

Meine Gedichte sind als Denker meine Lehrer
Meine Freunde sind als Menschen meine Familie

Meine Tage sind als Lebenszeit meine Nächte
Und meine Nächte sind hell, weil ich endlich wach bin.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DICHTUNG DER NACHT

In letzter Zeit
schweigt der Morgen
der Abend redet mit mir

In letzter Zeit
schweigt meine Jugend
und meine Kindheit

Das langsam nahende Alter redet
zu dem Mann in mir
doch ich verstehe nicht

Nur das verlorene Kind
das schweigsam gewordene
hätte es verstanden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN ABEND EIN NEUER MORGEN

Der Tag neigt sich zum Ende
Ich bin geneigt, zu denken
er sei einer wie alle anderen vor ihm
seit wir uns alle gegenseitig von einander
distanzieren. Doch irgendetwas
war anders heute, irgendwas Kleines,
ich weiß nicht genau was. Aber ich
habe mich ein bißchen verändert.
Die Erde drehte mich um, und
machte neue Dinge mit mir.
Nur, komisch: So geht es mir
jeden Tag am Ende des Tages
in dieser endlosen Reihe
gleichförmiger Tage.
Ich ziehe abendlich eine neue Seele aus.
Also sind sie doch gleich? Denn
täglich geschieht genau das gleiche:
Ich entdecke mich ein bißchen mehr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UMGEKEHRT

Eines Tages
sagst Dir selbst
egal sei was
einmal es war
Heute fängt
mein Leben an

Das Klavier alt
Die Reigen neu
Ich möchte diesmal
von meiner Gitarre
gespielt von meinem
Sax geblasen werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JENSEITS DER GEDICHTE

Ich vermisse Deine Gedichte
Die Nachfrage in mir danach ist groß
Alle Einflussgrößen steigern meine Vorlieben
Die sehnen sich, wie immer, nach Deinem Schoß.

Das wäre’s mit meinem knappen Gedicht heute.
Ich möchte wie Du ohne Worte groß dichten,
Schmerz fühlen tiefer und Freude empfinden
reiner als schreiben, reden oder dichten.

Die innige Tat.
Rege Saat –
Blatt um Blatt um Blatt…
Ich bin noch nicht satt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

TAGE DER EINSAMKEIT

Die Einsamkeit wird Selbstgespräche
in Dir führen,
wie die verlassenen Straßen da draußen,
die Füße kaum noch berühren,
in der Korona dieser merkwürdigen und
kalten Frühlingssonne frieren,
ungewärmt von leeren Büros, die alles
beobachten und alles ignorieren…

Wo ist der Mensch?
Was ist aus ihm geworden?

Die Einsamkeit wird Selbstgespräche
in Dir führen,
wird ihren eigenen Weg in Dir gehen
durch längst vergessene Türen,
wird Dich an Erinnerungen erinnern,
die schmerzen und berühren,
wird Sorgen und Hoffnungen und Ängste
in Dir schüren…

Bin ich der Mensch?
Was ist aus mir geworden?

Die Einsamkeit wird Selbstgespräche
in Dir führen…
Du musst leise werden und schweigen
und genauer hinhören,
denn irgendwann geht der Lärm wieder
los und wird Dich wieder verführen –
Drum nutze dieses Erlebnis voll und
lasse Dich nicht stören.

Denn Du bist der Mensch
und wirst morgen neu aus Dir werden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

SELBSTGESPRÄCHE MIT DER INNEREN STIMME

Nach dem
kein Sieg ewig blieb
der mich häutig rieb

Nach dem
jeder mich verließ
der einst war mir Paradies

Nach dem
ich mitten in Geborgenheit
und Liebe erlebte tiefe Einsamkeit

habe ich gelernt
das abendliche Gespräch zu schätzen
mit mir selbst, von der Welt entfernt.
Der mich nie verlassen noch verletzen
noch fallen lassen wird,
mit mir lebt und liebt und leidet und stirbt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BLÄTTER WENDEN

Manchmal steht so viel zwischen uns
die Worte reichen nicht mehr aus
Ich stöbere im Wörterbuch unserer Liebeskunst
wie ein Geist in einem leeren Haus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HEUTE VOLL AUSSCHÖPFEN

Ich frage mich immer heute:
Was werde ich morgen wünschen,
ich hätte es gestern erkannt?

Auch diese Frage gehört den Wünschen,
von denen ich denke, heute:
Mensch, hätte ich sie nur gestern erkannt.

Denn heute hilft sie mir,
morgen immer weniger zu überlassen
was ich gestern hätte haben können.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung