AM ENDE WAR DAS WORT

Es blutet als wäre ich gebissen worden
von meiner Zunge. Aber, … zu spät.
Die Worte sind schon Messer geworden.
Hilflos schaue ich zu, wie das Blut
scharf wird und außer Kontrolle gerät.
Ich lecke Wut. Es schmeckt nicht gut.
Zu schnell geantwortet.
Langsam, viel zu langsam verantwortet.
Am Ende war das Wort.
Das alles beendende Wort.

Che Chidi Chukwumerije (28.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DIE SPRACHE DER FREMDEN

Frag mich nicht warum
Darum liebe ich die deutsche Sprache
Sie ist unerklärlicherweise
Die Aussprache meiner inneren Stimme.

Che Chidi Chukwumerije (25.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
881BFC10-6DF3-4833-A794-B3D9B47A5FDB

LUSTHÄNDE

Meine Hände haben Lust
am Wandern
am Heben und Halten
am Falten, am Entfalten
Unter dem Hautkleid meiner Hände
wohnen je sechs Männer
Meine Hände haben Lust
am Handeln
am Suchen und Entdecken
am Finden und am Verstecken
unter den Deckmantel des Tastsinnes
Sinne ohne gemeinsame Nenner
Streicheln, fausten, schlagen, greifen
reiben, ruhen, glätten, kneifen
beten und bitten und gebieten. Mitreifen,
mitreden, mitfragen, mitbegreifen
Meine Hände haben Lust
am Wundern
am Nehmen und Geben
am Wissen, und am eigenen Leben
Unter der rauen Oberfläche
Lebt ein charaktervoller Wahrheitserkenner.

Che Chidi Chukwumerije (22.02.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
848D85BA-6034-4A41-8B5C-3687D6DBC1D7

ODEM

Als ich im Dunkeln
Dem Atmen meines Sohnes lauschte
Dachte ich an meinen Vater
Der nachts gerne wach lag
Vielleicht saß er auch so neben mir
Und lauschte
Und ich denke an meinen Sohn
Und frage mich, ob er eines Tages
Auch genau so sitzen wird
Dem Atmen seines Kindes in der Nacht
Lauschend und sich dabei wundernd
Ob sein Vater einst auch seinem Atmen
Lauschte in der Nacht.

Che Chidi Chukwumerije (15.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung
D2A2EDDC-B59D-4688-BA87-09EACC78DEB8

DAS SCHWEIGEN DILEMMA

Weil sie laut sind schweigen?
Oder weil sie laut sind schreien?
Was soll der Mensch tun, um einzugehen
in den Zustand der gewissenhaft Freien?

Weil ich nicht alles weiß schweigen?
Oder weil ich zu viel weiß reden?
Um zu schützen oder um zu schaden?
Hades oder Eden.

Was soll der Mensch tun, um einzugehen
in den Zustand der von Schuld Freien?

Che Chidi Chukwumerije (14.01.2020)
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

55AA5E0E-0E05-4752-B1AF-A1BAB7205B99.png

ALL DEINE WEGE

Wenn Wege
Lebewesen wären,
Mit wie vielen
Könntest Du gleichzeitig
Reden
Über Dein Lebensgeschehen
Ohne den Faden zu verlieren
Oder sie zu mißverstehen?
Denn Leben ist ein Gespräch
Mit der Schöpfung
Das man nur sinngemäß
Begreift mit der Empfindung.

Che Chidi Chukwumerije
02.01.2020 im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

WAS ANDERES

Ich frage mich warum
Ein Stirnrunzeln
Die Sonne verdirbt
Von hundert Lächeln –
Warum?

Ich frage mich warum
Älter werden
Die Wonne verdirbt
Von jungen Jahren –
Warum?

Ich frage mich warum
Eine glänzende Lüge
Glaubwürdiger erscheint
Als die wahrsten Züge –
Warum?

Warum besteht jeder einzelne Mensch
Aus Welten unter Welten unter Welten?
Und Welten hinter Welten hinter Welten?
Warum ist es beängstigender, Wahres zu zeigen
Und sicherer, als was Anderes zu gelten?

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEIHNACHTEN

Stille Nacht, heilige Nacht –
Nach dem ich heute Nacht
Geschenke meinen Lieben verschenkt
Und meine selbst ausgepackt habe,
Werden meine Gedanken nun gelenkt
Endlich zu der eigentlichen Gabe?
Der göttlichen Weihe der Nacht.

In der Finsternis scheint das Licht
Das Finsternis begreift es immer noch nicht.
Wann werden wir endlich das Gotteswort
Als liebevolles Licht begreifen?
Es erhellt unseren innersten dunklen Hort
Damit wir als wahre Menschen reifen.
Für was anderes kam das Licht nicht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

SCHUTZZÖGERN

Abschied aus dem Reiche
Der Oberfläche –
Ich zögere…

Welche Tiefe braucht keine Oberfläche?

Welche Wahrheit braucht
Keine sie schützende Lüge?
Ablenkung und Deckung.

Ich zögere.

Wer zögert,
Hat bereits verloren.
Oder ist auch das nur eine Schutzlüge?

Ich zögere.

Denn ich weiß
Daß mein schweigendes Wissen
Das Wertvollste ist, was ich besitze.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WENN DU DEN FEIND NICHT KENNST

Wenn Du den Feind nicht kennst
Ermordest Du 5 Millionen Juden
Denkst, es macht alles besser –
Erhöht hat es nur Deine Schulden.
Jahrzehnte später ist nichts besser
Man ist immer noch nicht Weltherrscher.

Wenn Du den Feind nicht kennst
Scheltst Du mich Neger
Deine Selbstjustiz gibt Dir blind Recht
Vielleicht macht das jetzt alles besser –
Morgen begegnet Dir das selbe Land:
Ein Teil der Realität liegt immer in fremder Hand.

Wenn Du den Feind nicht kennst
Rückst Du immer wieder an den Rand
Alle paar Generationen immer wieder.
Doch warum versinkt es jedes Mal in den Sand?
Warum wird es immer noch nicht besser?
Man weiß doch alles besser.

Wenn Du den Feind nicht kennst
Schießt Du auf fremde Schatten
Bringst Dich immer wieder in Erklärungsnot
Der Haß erzeugt die schwächeren Waffen
Wenn Du den Feind nicht kennst,
Den inneren Lichtfeind in Dir selbst.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung