PASS DICH NICHT AN

Ich fand mich.
Ich steckte in Blättern, die ich
schrieb als ich noch jugendlich
und noch ehrlich
genau das sagte,
woran mein Herz ganz glaubte,
was mir die Zeit aber dann raubte,
weil ich mich hinterfragte.

Alles, was ich heute sagen kann:
Pass Dich nicht an.

Dein Geist hat einen Plan:
Pass Dich nicht an.

Pass Dich nicht an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AM FALSCHEN ORT ZU SEIN

Der Abend wieder
Ich mache erneut Pause
Und lege mich nieder
Wo immer ich Zuhause
Heute gefunden habe
In meiner Lebensreise
Erst war ich ein Knabe
Unterwegs zum Greise
Jeden Tag ein bisschen
Weiter gekommen
Jeden Tag einen andern
Umweg genommen.

Am falschen Ort zu sein
Ist nicht falsch zu sein
Wenn er, und er allein,
Korrigiert Dein Bewusstsein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERER MENSCH, SELBE HAUT

Auf Deinem Weg in die Klarheit,
Nähere tief, dann meide breit, die Mehrheit -
Die Wenigsten kennen die Wahrheit.

Irgendetwas ist mit mir geschehen:
Ich habe letztes Jahr in alle hineingesehen
Und habe dabei alles durchgeschaut.
Jetzt bin ich: anderer Mensch, selbe Haut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMETTERLING


Im Land der Stille
wächst der Wille –
und wenn er reif
geworden ist und bereit
durchbricht er die Hüllen
denn er will erfüllen
denn er muss erfüllen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GENERATIONENÜBERGREIFEND

Wir fangen bei jeder neuen Generation
wieder von Null an,
als hätten wir nicht bereits
in der jeweils vorherigen Generation
alles gegen Hass getan
und seinen Anpassungsanreiz.

Sisyphus war kein Mensch,
er ist die Menschheitsgeschichte -
Die Hartnäckigkeit unserer Tendenz
zu reinkarnieren unsere Bösewichte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS NEUE, JA

Und dann…
begann
irgendwann
das neue Jahr
Nicht ganz am 1. Januar
weiß ich fürwahr
weil ich -
und das Neujahr gefühlt nicht -
da war.
Also vielleicht davor?
Ob das alte Jahr Zeit verlor?
Und das neue schon alt war?
Oder erst in den Tagen danach…
denn in den Tagen danach
ist keiner mehr wach.
Das Tor steht unbewacht
und wie ein Dieb in der Nacht
beginnt die neue Zeit.
Bist Du bereit?
Es ist soweit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERN VON GESTERN

Ein langer Weg trennt mich vom letzten Jahr.
Seltsam, es war ja erst gestern -
Doch die Nacht, der Schlaf, die tausend Träume
zwischen den Mitternachtsglocken und dem Morgenstern
waren eine riesengroße weitenumspannende Brücke,
ein großer steinerner Bogen, über den ich schritt
wie ein Reisender auf der Suche nach Klarheit und Glücke
von Gipfel zu Gipfel sich tapfer durchkämpft
über Täler und Schluchten und tiefe, weite Klüfte
stets die Gegenwart sucht. Gestern war vor tausend Jahren,
letztes Jahr ist vergangen. Seelenfenster auf! Ich lüfte!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AN MEINE SCHWARZEN KINDER – (2)

Generationen -
Gegossen in die Abzweigung
sich widersprechender Nationen.
Gefangen im Scheinwerferlicht der Ent-Scheidung.

Gemischte Rassen -
im Blut und/oder im Kopf vermischt.
Beidseitig lieben, was beide Seiten hassen.
In Euch ist mein Licht, das niemals erlischt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NOVEMBERSCHNITT

Er macht es jedes Mal.
Er schafft es, auf einmal
Mich zu töten und ich bin tot
Ohne Übergang. Wirklich tot.
Die alte Person, die einst mein Ich war
Wird zur Erinnerung, und zwar und zwar
Zur kalten fernen Figur
Mit mir fremder ungewöhnlichen Natur -
War ich je das? Ist das wirklich wahr?
November tötet mich, nicht jedes Jahr
Aber immer wieder kommt der Schnitt
Hart, endgültig beginnt ein neuer Abschnitt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHWARZ GEBOREN

Ich spüre Euer Blut
Wenn ich Eure Musik höre
Flammend mit Eurer Glut

Hallend Eure glückliche Sprechchöre
Hallend unsere glückliche Sprechchöre

Unterdrückt, dennoch steigen wir
Unter Druck werden wir selbstbewusster
Mit unserer unbändigen Freude zeigen wir

Wir lachen, unbeeindruckt, uneingeschüchtert!

Ich bin dankbar, Schwarz geboren zu sein
Ich bin glücklich, Schwarz geworden zu sein
Ich bin stolz darüber, Schwarz gelesen zu sein

Egal was ich dabei verliere,
Gewinne ich gerade dadurch meine schützende Barriere.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung