WACHSEND HARREN

Wenn Du weißt, es ist
noch nicht so weit und Du warten
musst - und Du warten musst -
zwischen Hoffnung und Frust,
Herz voller Leben, voller Lust,
ein tausendseitiges endloses Erwarten
des Endes, des Anfangs. Zum Starten
reicht Deine große Sehnsucht nicht,
Deine tiefe Sehnflucht. Es sticht,
es sticht, die Sicht, die Sicht ist
noch getrübt. Du musst noch warten.
Und harren wachsend im Erwarten.
Die Charakterzüge, Blumen im Garten,
die Dir dabei erblühen, die harten
aber vor allem die geschützten zarten,
werden eines Tages zu Deinen Fahrkarten -
Auf sie tut Dein Schicksal geduldig warten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN BISSCHEN VON UNS

Ich atme die Welt ein
aber auch wieder aus,
Rausgehen ist mein
Weg wieder nach Haus.

Ein bisschen von Dir
ist genau das, was
ein bisschen von mir
brauchte doch vergaß.

Waren wir einst eins
im fernen Paradiese
unbewussten Daseins?
Die Absicht ist diese:

Heraus in die Welt!
Hinein in einander!
Zurück kehren erhellt
an und durch einander!

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUES IST IMMER AM GAREN

Der Mensch, der kam, und
der Mensch, der ging, waren
zwei verschiedene Menschen -
Jemand neues ist immer am Garen.

Die Zeit, die Wunden heilt, sie
verwundet auch, sie teilt die
Menschen wie ein Keil und nie-
mand weiß ganz genau wie.

Aber irgendwann ist alles verändert -
Zum Teil ist es erschütternd
Zum Teil ist es ernüchternd
Zum Teil ist es erleichternd.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PERSÖNLICHKEITSWANDEL

Ist es auch Dir aufgefallen,
daß er ein anderer Mensch geworden ist?
Und sie auch? Ganz egal wer. Bei uns allen
hat jede Persönlichkeitsphase ihre Frist.

Ich hatte in der Zwischenzeit vergessen,
wie das aussieht, weiße Blüten
im kahlen braunen Wald. Unterdessen
schreitet die Natur voran, bereit zum Brüten:

Ein Schopf weißer Haare hier und da
wächst urplötzlich aus kargen Winterästen -
Der Wald fragt den Frühling Bist Du nah?
Ich erkenne Dich nicht mehr im Entferntesten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN ANDERER KAMPF

Ich sehe einen anderen Kampf
Er hat nichts zu tun mit Rassen
Nichts zu tun mit Geschlechtern
Nichts zu tun mit Gesellschaftsklassen

Ich sehe einen anderen Kampf
Er hat nichts zu tun mit Sprachen
Nichts zu tun mit Kulturen, nichts
zu tun mit Massenvernichtungswaffen

Es ist der Einzelkampf, dessen eine Seite
die Suche nach dem Sinn des Lebens ist
Dessen andere Seite das Streben ist nach
der Vervollkommnung des eigenen Geistes

Je mehr Menschen diesen Kampf gewinnen
desto mehr Rassen, Geschlechter, Klassen
Kulturen in Frieden ihre Ängste und ihre Gier
niederlegen und mit ihnen endlich ihre Waffen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

PASS DICH NICHT AN

Ich fand mich.
Ich steckte in Blättern, die ich
schrieb als ich noch jugendlich
und noch ehrlich
genau das sagte,
woran mein Herz ganz glaubte,
was mir die Zeit aber dann raubte,
weil ich mich hinterfragte.

Alles, was ich heute sagen kann:
Pass Dich nicht an.

Dein Geist hat einen Plan:
Pass Dich nicht an.

Pass Dich nicht an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AM FALSCHEN ORT ZU SEIN

Der Abend wieder
Ich mache erneut Pause
Und lege mich nieder
Wo immer ich Zuhause
Heute gefunden habe
In meiner Lebensreise
Erst war ich ein Knabe
Unterwegs zum Greise
Jeden Tag ein bisschen
Weiter gekommen
Jeden Tag einen andern
Umweg genommen.

Am falschen Ort zu sein
Ist nicht falsch zu sein
Wenn er, und er allein,
Korrigiert Dein Bewusstsein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ANDERER MENSCH, SELBE HAUT

Auf Deinem Weg in die Klarheit,
Nähere tief, dann meide breit, die Mehrheit -
Die Wenigsten kennen die Wahrheit.

Irgendetwas ist mit mir geschehen:
Ich habe letztes Jahr in alle hineingesehen
Und habe dabei alles durchgeschaut.
Jetzt bin ich: anderer Mensch, selbe Haut.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHMETTERLING


Im Land der Stille
wächst der Wille –
und wenn er reif
geworden ist und bereit
durchbricht er die Hüllen
denn er will erfüllen
denn er muss erfüllen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GENERATIONENÜBERGREIFEND

Wir fangen bei jeder neuen Generation
wieder von Null an,
als hätten wir nicht bereits
in der jeweils vorherigen Generation
alles gegen Hass getan
und seinen Anpassungsanreiz.

Sisyphus war kein Mensch,
er ist die Menschheitsgeschichte -
Die Hartnäckigkeit unserer Tendenz
zu reinkarnieren unsere Bösewichte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung