AUSDRUCK

Als ich tot war
und nichts spürte, außer Schmerz,
dachte ich, ich wusste, was Schmerz ist

Als ich, noch tot, anfing
mich nach dem Leben neu zu sehnen
lernte ich, daß der Schmerz des Todes nichts
im Vergleich zum Schmerz der Sehnsucht ist

Dann erwachte ich wieder zum Leben
und verstand, daß weder der Tod
noch die Sehnsucht mehr schmerzt,
als das Leben selbst. Es schmerzt so sehr,
es bringt Deine Freude zum Aus-Druck.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST DEINE FREUNDE FINDEN

Du wirst Deine Freunde finden
auf weniger begangenen Wegen –
Den Sonnenschirm fandest Du im Regen

Alles, was zählt, zählt nicht
Alles, was Du warst, warst Du nicht

Erst fandest Du das neue Dich
dann kam Dir sein Freund entgegen
und zeigte Dir das neue Dich
in nie gekannten Wegen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUSTART

Manchmal möchte ich
von Vorne alles wieder anfangen
wie die Natur es jedes Jahr macht

Ihre Blätter fallen lassen,
sich in tiefen Schlaf versetzen
aus der sie neugeboren erwacht

Alles beenden,
mich in die Tiefe zurück ziehen,
aus der mein Lachen neu entfacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

180GRAD

Ich schaue sie an
frage mich
wie das möglich ist:
Die Wandlung von einer wilden Nachtfee
in eine vierfache Alleinerziehende
die lächelt, gähnt und sagt:
Sex ist überbewertet.

Che Chidi Chukwumerijee
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN LETZTES MAL

Wird die Welt ruhiger
oder ich?
Wird die Natur herber
oder ich?
Wird die Erde reifer
oder ich?

Dennoch rast ein Brand durch den Wald
Die roten Blätter innen heiß, außen kalt
Ein letztes Mal lachen, denn Winter kommt bald.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERWARTUNG

So lang im Warten gelebt
Es ist mehr als Warten
Es ist Wartung

Denn es ist eine Mischung
aus Schmerz und Wachstum
und Erwartung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINBRUCH

Herbst bricht ein
wie ein Dieb in der Nacht –
Stiehlt uns unsere Jugend.
denn er will uns zeigen, wie bunt
das Reifsein auch sein kann
bei aller Nacktheit.

Reif sein ist schön –
Schön der Schmerz
Schön die Reue
Schön die Stärke
Schön die Zerbrechlichkeit
Schön die Ruhe.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE WANDLUNG

Welk hängen die letzten Gedanken der Bäume
wie vergilbten Blätter voller alten Gedichte
gesungen in Liebe einst
an reif gewordene Triebe.

Manche Bäume sind bereits gelb
Ich habe den Wandel nicht gemerkt
Manche Träume freuen sich auf den Herbst
Manche sind am Sommer hängen geblieben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBE BEVOR DU STIRBST

Sterbe nicht,
ohne gelebt zu haben
Gehe nicht,
ohne gekommen zu sein
Leide nicht,
ohne geliebt zu haben
Ruhe nicht,
ohne gereist zu sein.

Denn irgendwann wirst Du anders sein.
Die Welt fällt weg und Du bist wieder allein.
Die Welt fällt weg und Du bist wirklich allein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEHNSUCHT NACH ERFÜLLUNG

Unscharf das Bild.
Unklar das Strassenschild.
Undeutlich das brennende Bedürfnis.
Nebulös der Durst
und ungestillt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung