ZYKLEN

Ich laufe über mein Klavier
Und alle paar Schritte stehe ich wieder
Am Anfang meiner Lebenslieder
Wir haben alle dafür so ein Gespür
Dejavu ist des Lebens Dauersouvenir
Wie wiederkehrend der Morgen dem Tag
Egal was der Kalender behaupten mag
Mein Gedicht ist Reinkarnation auf Papier.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

VOR DEM ABENDGEBET

Bevor mein Tag zu Ende geht
Möge er endlich beginnen
Dem Leben gibt es kein Entrinnen
Gegen den Tod allein ist zu gewinnen
Des Wesentlichen, der Liebe, besinnen
Der Zuversicht, der Freude im Innen
Sollst Du Dich, mein Ich, mein Morgengebet.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

EIN KURZER MOMENT DER KLARHEIT

Immer wieder versuche ich
in den Kopf des 15-jährigen
hinein zu gelangen, der ich einst war
denn er hat die ganze Welt
mit einer Klarheit durchblickt und verstanden
die mir abhanden gekommen ist.

Er wusste, wer er war und was er wollte
Er wusste, was er mußte.
Er wusste, daß das, was er wusste, richtig war
Und er versuchte, vergebens, alles fest zu halten
Denn er wusste, er würde es einst vergessen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ORDNUNG

Die Schranken fallen
Endlich Freiheit
Das Wahre in jedem, es tritt vor
Unterdrückung, dachten wir, war die Hölle
Doch die Freiheit ist selbst die grenzenlose Hölle

Gefangen und verloren in der Freiheit
Wir finden keinen Weg zurück
Zurück zu den Ketten
Die Ketten, die uns besser kannten, als wir uns selbst
Die Ketten, in denen wir frei waren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

BITTE WENDEN

Das alte macht dem neuen Platz
Und wird selbst zum ewigen Schatz
Im Gedächtnis genannten Grab

Der Schmerz, den ich gestern vergab
Ist der Frieden, den ich heute hab –
Schreib auf meinem Grab nur diesen Satz.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MIT DIR EWIG LEBEN

Warum kann das Leben nicht ewig sein?
Das Leben muss ewig sein.
Das Leben ist ewig.
Wenn nicht auf Erden
Denn irgendwo sonst
Und dort will ich Dich treffen
Nach dem wir hier auf Erden fertig sind
Und anderweitig weiter suchen dürfen
Denn ich will mit Dir ewig leben, Ayabona.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

REALITÄT AKZEPTIEREN

Schuppen fallen von Augen
von einstigen Puppen –
gefährdete Gruppen naiv und nichtsahnend
tanzend vor feindseligen Truppen, abschussbereit.
Aber sie teilen mit Euch ja ihre leckeren Suppen,
arme dankbare Puppen. Eure Berge
sind kümmerliche lächerliche Kuppen
von wo Ihr fremde Sternschnuppen bewundert
während Eure Feinde Euch ständig verkleinernd schruppen,
arme Puppen an Euren Kluppen hängend
bis Ihr verschwindet wie ausgerauchte Fluppen… –
zum Glück fallen die Schuppen nun von Euren Augen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MENSCHSEIN VERLERNT

Alle sind irgendwie müde geworden
gleichzeitig voller Tatendrang
desillusioniert, weiser geworden –
Die Welt steht vor einem neuen Anfang

Kapitalismus wird neu definiert
Sozialismus wird zwangsrehabilitiert
Nationalsozialismus zieht sich geschickt um,
hält als Nationalkapitalismus uns für dumm

Der Nationalismus ja ringt mit sich selbst
sucht verzweifelt nach einem friedlichen Weg
sich durchzusetzen, getreu seinem Selbst
Ein Schiff, ein Hafen, kein Landungssteg

Globalisierung sehnt sich nach Lokalisierung
Eine Ehe ohne Liebe und ohne Vollziehung.
Vergessen hat der Mensch, oder nie gelernt
einfach ZU SEIN – von allen Ismen entfernt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HAST DU DEN VERSTAND VERLOREN?

Wenn ich glaube,
meinen Verstand zu verlieren –
wer glaubt und wer verliert?

Wenn ich das Schwinden meines Verstandes
wahrnehme, darf ich dann annehmen,
daß das Wahrnehmende der neue Verstand ist,
der den alten bei seinem Scheiden beobachtet,
ihn aber einfach nicht versteht
weil beide so unterschiedlich sind?

Wenn uns das Andersartige ver-rückt vorkommt
was tun wir dann, wenn wir es selber sind
die neu und anders geworden sind?
Ist es wirklich so schlimm
den Verstand zu verlieren? Vielleicht
wächst Dir ein neuer Kopf
mit einem neuen Verstand
wenn Du es zulässt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN TAG EIN NEUER FREMDER

In einem Tag sind viele Tage
vielleicht sogar tausend Jahre
Täglich wächst Du auf in der Ruine
Deiner gestrigen Gedankenschlösser
Die sind tausend Jahre alt und mehr
doch merkst Du das nicht, denn auch Du
bist im Schlaf um tausend Jahre gealtert
Das alte kommt Dir bekannter vor als
das Neue, in dem Du heute lebst
doch welch ein Unterschied!
Wer den Menschen im Spiegel sucht
findet morgendlich einen neuen.

Echt merkwürdig, wie sich
die Menschen täglich treffen und
täglich es nicht merken, daß sie
täglich Fremde treffen im Vertrauten Gewand
Ein Gesicht wiederholt sich mehrmals
wie eine Maske, die herumgereicht wird…
Eheleute, Freunde, Eltern und Kinder
sogar Feinde sterben häufiger jeden Tag
als das Bewusstsein es sich merken mag
oder muß, gehen täglich fremd,
machen täglich fremde Menschen
wiederholt zu Freunden und zu Feinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung