EIN GEWÖHNLICHES LEBEN

Ich floh
in die Tat
in den Tag
in das Nichtstun
in die Nacht
in die Trauer
in die Träumerei
in die Sünde
in die Sühne
in den Streit
in die Sehnsucht
in das Lachen
in die Lust
und in das Leiden –
denn überall suchte ich Dich, meine Liebe.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MITSPRACHERECHT

Der Adler fliegt auch für mich
Und sagte mir
Ich bin der Widerhall auch Deiner Inneren Stimme
Wenn Du willst –
Du musst nur laut genug reden
Mitreden
Und Dich nie mundtot machen lassen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NEUGEBURT AM ABEND

Die Zukunft ist hinter mir her
Ich laufe so schnell wie ich kann
Ich laufe weg von ihr
Sie ist meine alte Zukunft, die ich mir einst ersann
Ich will sie nicht mehr

Jetzt baue ich mir schnell eine neue Zukunft –
Doch meine Zeit ist fast um. Reise ohne Ankunft?

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU WIRST STRAUCHELN

Halte inne, und sei gewiß
den Fehler Deiner Eltern wirst Du wiederholen
Wissen ist Macht
DIESES Wissen allein wird Dich retten
kurz bevor Du fällst –

Es gibt einen Grund warum
Afrika sich ständig wiederholt
Europa sich ständig wiederholt
Deutschland sich ständig wiederholt
trotz allen Bemühungen zum Anderswerden.

Den Fehler machen die, die ihre Eltern
irrtümlicherweise für ihre Vergangenheit halten,
nicht ahnend: die sind Eure Zukunft
ruhig gärend in Euch wartend –
Nur dieses Wissen wird Euch retten.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCH IST MENSCH

Wie wirst Du Deutsch
wenn Du Weiß bist
und nicht weißt,
daß Du Weiß bist?

Wie wirst Du Schwarz
wenn Du Deutsch bist
und nicht weißt,
daß Du Deutsch bist?

Wie wirst Du Mensch
wenn Du nur Weiß bist
wenn Du nur Schwarz bist
wenn Du nur Deutsch bist?

Wie wirst Du Deutsch
Wie wirst Du Schwarz
Wie wirst Du Weiß,
wenn Du nur Mensch bist?

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSCHLOSSEN

Die einen
wollen beweisen, daß
sie tatsächlich die Stärksten sind
auf Erden

Die anderen
wollen beweisen, daß
sie diesmal sich, und erfolgreich,
wehren werden

So sitzen wir entschlossen da
auf der tickenden Zeitbombe –
und diesmal ist jeder wirklich bereit
für sein Leben zu sterben.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUB

Ich sehe die Blätter –
Sie ruhen auf dem Boden.
Der Baum, erleichtert,
atmet frei…

Wie gern würde auch ich
alles fallen lassen…
Als wäre ich der Herbst
meines eigenen Lebens.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER INNERE STURM

Nach dem Sturm
Kommt der innere Sturm
Ich finde immer noch keine Ruhe

Kein Zufluchtsort
Ist Hort genug. Ich muß fort.
Es lebe die Unruhe.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNRUHIGE GENERATION

Was wird aus deren Schrei nach Ruhe?
Sollen sie lauter als die Unruhestifter selbst schreien,
Um gehört zu werden?
Oder sollen sie schweigen, um gehört zu werden?

Gehört und geduldet.
Wer hört die Innere Stimme, wenn sie schreit?
Wir hören nur ihr Schweigen, wenn sie schweigt
Und wir nicht mehr wissen, was wir sagen sollen.

Drum, schreiet, Kinder, seiet laut
Durchzieht die raue Oberfläche der Welt mit Gänsehaut
Die Zukunft haben Euch Eure Eltern geklaut
Klaut ihnen nun die Vergangenheit.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEIN

Ich gehe meinen Pfad
Schritt für Schritt
Und mache eine Neugeburt
Aus jedem Fehltritt
Das heutige schöne Gedicht
War gestern ein häßlicher Schrei
Ich sterbe gerne im Dezember
Um neugeboren zu werden im Mai.
Um neugeboren zu werden
Mit einem neuen Schrei.
Ich will alles hinter mir lassen
Doch wozu?
Es kommt alles wieder –
Und doppelt stark hinzu.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung