BITTE WENDEN

Das alte macht dem neuen Platz
Und wird selbst zum ewigen Schatz
Im Gedächtnis genannten Grab

Der Schmerz, den ich gestern vergab
Ist der Frieden, den ich heute hab –
Schreib auf meinem Grab nur diesen Satz.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MIT DIR EWIG LEBEN

Warum kann das Leben nicht ewig sein?
Das Leben muss ewig sein.
Das Leben ist ewig.
Wenn nicht auf Erden
Denn irgendwo sonst
Und dort will ich Dich treffen
Nach dem wir hier auf Erden fertig sind
Und anderweitig weiter suchen dürfen
Denn ich will mit Dir ewig leben, Ayabona.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

REALITÄT AKZEPTIEREN

Schuppen fallen von Augen
von einstigen Puppen –
gefährdete Gruppen naiv und nichtsahnend
tanzend vor feindseligen Truppen, abschussbereit.
Aber sie teilen mit Euch ja ihre leckeren Suppen,
arme dankbare Puppen. Eure Berge
sind kümmerliche lächerliche Kuppen
von wo Ihr fremde Sternschnuppen bewundert
während Eure Feinde Euch ständig verkleinernd schruppen,
arme Puppen an Euren Kluppen hängend
bis Ihr verschwindet wie ausgerauchte Fluppen… –
zum Glück fallen die Schuppen nun von Euren Augen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

MENSCHSEIN VERLERNT

Alle sind irgendwie müde geworden
gleichzeitig voller Tatendrang
desillusioniert, weiser geworden –
Die Welt steht vor einem neuen Anfang

Kapitalismus wird neu definiert
Sozialismus wird zwangsrehabilitiert
Nationalsozialismus zieht sich geschickt um,
hält als Nationalkapitalismus uns für dumm

Der Nationalismus ja ringt mit sich selbst
sucht verzweifelt nach einem friedlichen Weg
sich durchzusetzen, getreu seinem Selbst
Ein Schiff, ein Hafen, kein Landungssteg

Globalisierung sehnt sich nach Lokalisierung
Eine Ehe ohne Liebe und ohne Vollziehung.
Vergessen hat der Mensch, oder nie gelernt
einfach ZU SEIN – von allen Ismen entfernt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

HAST DU DEN VERSTAND VERLOREN?

Wenn ich glaube,
meinen Verstand zu verlieren –
wer glaubt und wer verliert?

Wenn ich das Schwinden meines Verstandes
wahrnehme, darf ich dann annehmen,
daß das Wahrnehmende der neue Verstand ist,
der den alten bei seinem Scheiden beobachtet,
ihn aber einfach nicht versteht
weil beide so unterschiedlich sind?

Wenn uns das Andersartige ver-rückt vorkommt
was tun wir dann, wenn wir es selber sind
die neu und anders geworden sind?
Ist es wirklich so schlimm
den Verstand zu verlieren? Vielleicht
wächst Dir ein neuer Kopf
mit einem neuen Verstand
wenn Du es zulässt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN TAG EIN NEUER FREMDER

In einem Tag sind viele Tage
vielleicht sogar tausend Jahre
Täglich wächst Du auf in der Ruine
Deiner gestrigen Gedankenschlösser
Die sind tausend Jahre alt und mehr
doch merkst Du das nicht, denn auch Du
bist im Schlaf um tausend Jahre gealtert
Das alte kommt Dir bekannter vor als
das Neue, in dem Du heute lebst
doch welch ein Unterschied!
Wer den Menschen im Spiegel sucht
findet morgendlich einen neuen.

Echt merkwürdig, wie sich
die Menschen täglich treffen und
täglich es nicht merken, daß sie
täglich Fremde treffen im Vertrauten Gewand
Ein Gesicht wiederholt sich mehrmals
wie eine Maske, die herumgereicht wird…
Eheleute, Freunde, Eltern und Kinder
sogar Feinde sterben häufiger jeden Tag
als das Bewusstsein es sich merken mag
oder muß, gehen täglich fremd,
machen täglich fremde Menschen
wiederholt zu Freunden und zu Feinden.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DER GESCHMACK DES ENDES

Wie oft schon liefertest Du
den zweiten Schlag
und bereutest es bereits
am nächsten Tag?

Wie oft schon ertrugst Du
den letzten kuss
und littest, denn es schmeckte so
sachlich wie ein Muß?

Irgendwas hat sich geändert
Die Welt wird nimmermehr dasselbe sein
Das alte ist vergangen

Kein’ zweiten Schlag, kein’ letzten Kuss
Zieh einfach weiter mit neuem Geist
und reinem Verlangen.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DICHTUNG DER NACHT

In letzter Zeit
schweigt der Morgen
der Abend redet mit mir

In letzter Zeit
schweigt meine Jugend
und meine Kindheit

Das langsam nahende Alter redet
zu dem Mann in mir
doch ich verstehe nicht

Nur das verlorene Kind
das schweigsam gewordene
hätte es verstanden.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

JEDEN ABEND EIN NEUER MORGEN

Der Tag neigt sich zum Ende
Ich bin geneigt, zu denken
er sei einer wie alle anderen vor ihm
seit wir uns alle gegenseitig von einander
distanzieren. Doch irgendetwas
war anders heute, irgendwas Kleines,
ich weiß nicht genau was. Aber ich
habe mich ein bißchen verändert.
Die Erde drehte mich um, und
machte neue Dinge mit mir.
Nur, komisch: So geht es mir
jeden Tag am Ende des Tages
in dieser endlosen Reihe
gleichförmiger Tage.
Ich ziehe abendlich eine neue Seele aus.
Also sind sie doch gleich? Denn
täglich geschieht genau das gleiche:
Ich entdecke mich ein bißchen mehr.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

UMGEKEHRT

Eines Tages
sagst Dir selbst
egal sei was
einmal es war
Heute fängt
mein Leben an

Das Klavier alt
Die Reigen neu
Ich möchte diesmal
von meiner Gitarre
gespielt von meinem
Sax geblasen werden.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung