DER SIEBTE SIEBTE MICH

Der Siebte siebte
Mich unerbittlich
Auf den Grund
Bis alles Getrübte
Von mir wich und
Ich verliebte mich
Unersättlich ins Leben und
Es liebte mich zurück
Und besiegte mich
Mit einer Liebe, die verrückt
Macht fast
Und alles Ehrliche erfasst
Und umfasst, was
Mensch zum Mensch macht
Egal ob es ihm schmeckt
Oder er sich versteckt –
Schmerzlich Mensch werden
Ist das Los eines jeden
Der der ungetrübte
Siebte siebte.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GEFÜHLE

Der Unfall
War nicht der tatsächliche Unfall
Der wirkliche Unfall
War schon lange vorher geschehen
Und er kam nicht per Zufall
Denn jeder hätte ihn kommen gesehen
Und hatte es auch –
Ein Gefühl im Bauch.

Der Unfall
Der verheerende und verhängnisvolle
Und tatsächliche Unfall
Geschah, als er die Kontrolle
Verlor nicht über das Motorrad
Sondern über seine Gefühle
Und entwickelte Gefühle
Für die allerorts berühmte Magd.

Der Fall
War bekannt in der ganzen Stadt
Oh! Hätte er sich nur früher Rat
Geholt – doch dem ist bekanntlich alles egal
Wer verliebt ist. Jeder, der schonmal
Verliebt war, weiß das. Und anstatt
Locker zu lassen, denn Verlust ist auch Gewinn,
Trieb ihn seine Verzweiflung zum Motorrad hin.

Dieses Gedicht ist die Fortsetzung von: TROTZ ENTTÄUSCHUNG WEITERLEBEN
und wird selber auch fortgesetzt.

(c) Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DESHALB LIEBE ICH DICH

Ich habe mehr als einmal
Mehr als zwei Frauen geliebt
Wirklich geliebt – Und jedes Mal
Hat allein die Liebe gesiegt

Entweder war es die Liebe zu Gott
Oder zur Welt oder zum Triebe
Oder zu einem brennenden inneren Komplott
Oder es war die Selbstliebe

Immer hat die Liebe gesiegt
Der Mensch hinkte hinterher
Und das einzige, was ich wirklich geliebt
Habe, war das große tiefe Meer.

Deshalb liebe ich Dich
Weil ich die Grenzen Deines Umfangs
Noch suche vergeblich
Heute noch Mehr wie anfangs.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TROTZ ENTTÄUSCHUNG WEITERLEBEN

Am Tag nach seinem Tode Wachte auf im Jenseits die Seele Blickte auf seinen alten Körper Und den daneben trauernden Bruder Am Tage nach seines Bruders Unfall Wachte der Hinterbliebene im Leichensaal Blickte auf seines Bruders Leiche Und ahnte nicht die daneben trauernde Seele Die neben ihm wachte Und ihn mit Schmerzen im Herzen beobachtete Und beide sannen Über alles, was sie noch gemeinsam Vorgehabt hatten… Jetzt vorbei Und beide empfanden im Geiste Die Wucht ihrer starken Liebe Zu einander… Ungeschwächt Und beide erinnerten sich Schmerzlich An den Moment, den Fehler, den Unfall Der zu dem Tod geführt hat Und wenn sie es nur könnten, egal Wie, würden sie alles rückgängig Machen – leider unmöglich Nun blickten beide auf den leblosen Körper Wie auf eine Schwelle, eine Grenze, Ein geschlossenes Tor in eine verpasste Und verlorene Möglichkeit… Eine Chance vertan. Dann fassten sie Mut Ertrugen den Schmerz Drehten sich um Herz ewig verbunden mit Herz Und mit Liebe als ewiger Leiter Gingen sie voller Hoffnung und Sorgen Jeder mit seinem Leben weiter, Weiser geworden. – Che Chidi Chukwumerije Fortgesetzt in GEFÜHLE 2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

ALLES

Ich denke an alles
was ich verpasst habe in dieser Welt
und es war es alles wert
Dadurch habe ich mich zu dem entwickelt
dem das Leben dies hat beschert:
Die Chance, den Wert und die Grenzen
der Menschen respektieren zu lernen
Damit statt zu konkurrieren, zu ergänzen
Allen, und gerne, Nahestehenden und Fernen –
Somit hab ich doch alles.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DRUM BESINNE DICH DES WESENTLICHEN

Mann kann nicht auf Verinnerlichung groß warten,
Es geht alles so schnell,
Das Leben.

Kaum hortest Du kurz in Deinen Händen Deine Karten,
Sind sie nicht mehr aktuell
Fürs Leben.

So schnell wie die Erlebnisse sich offenbarten,
Teils unwichtig, teils essenziell
Dem wahren Innenleben,

Ebenso schnell musstest Du Altes abhakend Neues stets starten,
Immer bleibend originell –
Und das war Dein Leben.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEGEN SEGEN

Unser beider wegen
Trennten sich entgegen
Unserem Gottessegen
Unser Beider Wege

Denn ohne Trennung
Blieben Erleben und Reifen aus
Und die darauffolgende Erkennung
Somit auch das Begreifen aus

Daß alle Gottessegen
Aller Erwartungen entgegen
Nicht bequem und träge
Machen sondern dazu anregen

Ehrlich unsere Wege
Echt werdend zu gehen.

Und sollten im ehrlichen Gehen
Unsere uns bestimmten Wege
Sich wirklich verstehen,
Erleben wir den wahren Gottessegen.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

STEHEN

Ich ziehe auf mich
Tatsächlich noch Blicke
Verschiedenartigen Inhaltes
An denen ich ersticke

Sauerstoffmaske
Läßt mich noch grotesker aussehen
Doch Opferrollen
Sind mir fremder als mein Aussehen

Man steht, wenn man geht
Man geht, wenn man steht
Man gewinnt, wenn man verliert
So lange man sich nicht verliert

Und Achtung wird angezogen
Nicht anerzogen, sondern geweckt
Denn mein Geist war ausgezogen
Und stark zu werden ist mein Zweck.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WAHR SEIN

Die Welt zieht und zieht
Wie lange noch kann ich ihr widerstehen?
Die Echtheit, die ich gerne mied
Tue ich immerwiederkehrend immerwiedersehen
In allem, was in und mit mir geschieht.

Verlangen, wie lange noch
Werde ich mich zurückhalten und nachdenken?
Die Welt öffnete sich und ich roch
Die Vorfreude, denn die Freude selbst will nachschenken
Und ich will es trinken doch!

Menschen menscheln, mehr können wir nicht
Wer nie gemenschelt hat, merke Dir sein Gesicht
Wenn es Deinem ähnelt, hast Du Dein Gericht:
Mensch, Du schläfst oder Du lügst noch.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REIFE

Laß Deine Seele reich sein
An Vielseitigkeit
Und doch am Boden gleich sein
Trotz Mehrdeutigkeit

Seele, Du dürftest weich sein
Laß Durchlässigkeit
Dein bodenloser Teich sein
Der Hartnäckigkeit

Nimm alles auf
Ob billig oder teuer im Kauf
Sei weich im Nehmen
Nicht hart, du wirst alles zähmen.

Die Dinge durchlassen
Die Dinge lassen
Die Dinge
Schließen schließlich ihre Ringe.

– Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung