Dein Herz ist ein Fernglas. Wenig trifft Dich, was es nicht vorher versucht hat, Dir zu zeigen. Jede Tat, Sichtbares, Fühlbares, Hörbares, war schon lange fein Wahrnehmbares - aber wer hört denn gerne zu, wenn das Herz empfehlt, daß Du einen Wunsch aufgibst, oder noch schwerer, einen Charakterzug doch überwindest, den Du lieb hast aber der Dir eines Tages zur Last werden wird. Diesen zukünftigen Schmerz sieht heute bereits Dein Herz. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
der Spiritualität
MIT MENSCHLICHKEIT BEGABT
Wir verwechseln Kunst mit Spiritualität, genauer: mit geistigem Streben, obwohl nichts im Geistigen höher steht, als mit gutem reinem Wollen zu leben - das einfachste und das schwierigste. So viele Menschen dünken sich talentfrei, leer und unbegabt - aber sie denken dies irrtümlich. Manche sind mit Menschlichkeit begabt, das einfachste und das schwierigste. Täglich, ehrlich, mit anonymster Stabilität hohe Werte zu verkörpern und zu geben: Das allein ist die ernste Spiritualität; das ist das aufbauendste geistige Leben, das einfachste und das schwierigste. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
UMRISSE
Als wärest Du aus dem Feinstoff der Schöpfung Erinnerung herausgerissen, schiesst Du - zersplittert - schroff - über die Leinwand in meinem Gewissen, und ich hoff, ich hoff, ich hoff!: Ich ersticke nicht beim Dich Vermissen, Du meine Luft, Du mein Sauerstoff! Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE GERECHTIGKEIT GENANNTE LIEBE
Es wird eine Liebe in Dir aufsteigen, grenzenlos, wissend, getüncht in Schweigen, sonderbar, kindlich, neu und sehr eigen. Es ist die älteste Liebe, die es gibt - eine Treue tiefer und echter als Pflicht - die durchschaut, versteht, aufbaut und vergibt: Es ist die Liebe zu Gott und zum Licht. Aber an diese Eigenart sollst Du Dich stets erinnern: Sie läßt trotzdem niemals das Unrecht gewinnen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
MAIFEIER
Riesen steigen nieder - Ein Geräusch feiner Gefieder melodischer als Lieder… Ende Mai ist es wieder. Zauber, von weit weit her, Wunderkraft, Lebenselixier, bringt Erneuerung zu Dir. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
WIR LACHEN ZU VIEL
Wir lachen zu viel über Sachen, die viel zu wenig bedeuten - Scheuen das denkende Alleinsein, freuen uns über Teilsein der verzweifelten Meuten, die nicht wissen wollen, was wir dabei missen. Denn oberflächlicher Zugang zu den Leuten macht uns innerlich einsam, gleichsam diese Schmerzen uns wechselwirkend rettend häuten. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DAS ÜBERGEORDNETE
Jedes Gedicht fängt mit einem kurzen Bild an, das ich mit dem ersten Ausdruck schnell festhalte. Jedes Gedicht fasst einen tieferen Begriff zusammen, den ich bis zum letzten Ausdruck langsam entfalte. Jeder Tag fängt mit neuer Hoffnung im Herzen an, die mit der Morgendämmerung erwacht und sich regt. Weil ich geboren wurde, trag ich in mir ein hohes Ziel und mein Leben einen Sinn, der mich wechselwirkend trägt: Den Willen Gottes zu finden, zu begreifen, Ihm zu dienen, auch und vor allem in dieser modernen Zeit Ihn zu erfassen; bei all den Herzesthemen, die uns zerreißen, den übergeordneten Gral nie aus dem Blicke zu lassen. Die Morgentauben grüßen euphorisch den neuen Tag - an ihrer Inbrunst tut meine Tatkraft sich durstig laben. Bis der Nachtgeist mich wieder in seine Ruhe hüllt, will ich durch Erleben mehr Klarheit mir gesichert haben. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
EIN LEERLAUF IST DER TIEFSTE LAUF
Leer heute Leerlauf Reinigung Tief drauf Weder gut noch schlecht Einfach nur tief drauf. Wann genau der Winter dem Frühling wich, kann keiner sagen… Aber etwas Neues längst angefangen zeigt sich in diesen Tagen. Neue Einsamkeit Neue Persönlichkeit Neue Fragen. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE SACHE SELBST
Ein Haus stand neben einem Fluss Doch es ist der Fluss, der heute noch steht Und das Haus, das weggeflossen ist. Der Reisende ist immer an seinem Ziel. Der sein Ziel erreicht hat Spürt irgendwann wieder die Sehnsucht Nach einer höheren Form der Vollkommenheit. Die Formen ändern die Gestalt ihrer Erscheinung Die Sache selbst bleibt, was sie ist. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
DIE VERLORENE TIEFE
Wann haben wir uns verloren, unser Herz, unsere Weichheit, die Natur, in der wir geboren wurden, altmodische Weisheit? Wann sind wir so fortgeschritten geworden und innerlich zerstritten? Einfache Lieder befriedigten uns, ehrliche Worte genügten uns, im Kern unseres Denkens und Tuns waren Werte. Sie beschützten uns lange vor diesem modernen Unding, das wir ohne sie heute geworden sind. Wer die Vergangenheit verloren hat, der kann sie sich nicht mehr vorstellen - begreift nicht mehr die märchenhafte Tat ohne ihren Sinn modern zu entstellen. Es war einmal eine bessere Menschheit, eine Zukunft vergessen in Vergangenheit. Che Chidi Chukwumerije Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung
