FINDE TÄGLICH DEINEN MOMENT

Inmitten des Lärms
Finde ich einen schweigsamen Ort
Tief in mir. Achte nicht auf meine Worte,
Folge meinen Augen und triff mich dort.

Ein Moment genügt, um Dich zu finden.
Um mich zu finden, musst Du Dich finden.
Um Dich zu finden, musst Du den Lärm überwinden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH HÜTE EINEN TRAUM

Täglich die Welt zu umfassen
Täglich die Welt wieder zurück zu lassen
Täglich zu sein ein Teil der Massen
Ohne zu gehören irgendeiner ihrer Klassen
Was bin ich? Ich hüte einen Traum
Und suche das Land mit dem passenden Raum
Um dort zu pflanzen den Friedensbaum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN MEISTERSTÜCK

Während Du neben mir liefst
Merkte ich, daß Du schliefst
Denn Deine Augen waren nur nach Vorne gerichtet
Die Samen am Straßenrand hast Du nicht gesichtet
Wir liefen und redeten über das gelobte Land
Ich hielt derweil eine Gießkanne in meiner Hand
Und als Du abends neben mir Pause machtest
Merkte ich, wie Du plötzlich aufwachtest
Denn Du sahst auf meiner Straßenseite
Blühende Blumen bis in ferne Weite.

Jetzt verstehst Du warum ich ständig
Am schaffen bin, stündlich, täglich -
Dein Meisterstück ist eine Blume am Straßenrand
An der Du vorbeiläufst unterwegs ins gelobte Land.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FLUCHTBEGLEITER

Ich kann Dir Deine Bürde nicht nehmen
Jeder muss mal einen Fluchtweg wandern
Keiner von uns sollte sich deshalb schämen
Vor sich selbst oder über den andern
Das würde uns als Menschen lähmen

Ich möchte unser Menschentum mit Dir teilen
Auf daß wir uns gegenseitig begleiten
Auf der Flucht vor Unmenschlichkeit in Menschlichkeit weilen
Den Verstand beruhigen, das Herz ausweiten
Die Wunde - Misstrauen - wieder heilen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR VERGESSEN UNS SELBST

Menschen vergessen oft,
daß es Menschen sind, mit denen sie reden -
Fremde ist nur ein anderes Wort für Menschen.

Menschen vergessen oft,
in ihrer Sehnsucht & ihrem Streben nach Eden,
worum es geht: nicht um Regeln, sondern um Menschen.

Politik, Kultur, Systeme sind nicht so wichtig
wie lebendige Menschengeister, einen jeden -
das vergessen oft Menschen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WIR HINTERLASSEN IMMER SPUREN

Ich sitze hier jetzt seit einer Weile
und versuche mein Herz zu verstehen
Es malt viele Bilder, langsam, ohne Eile
und dennoch mehr als ich je gesehen
aber heute ist nichts besonderes geschehen

Ich sprach wie immer mit etlichen Fremden
und sah dabei in unzählige Augen
in Blicken gefangen wie Körper in Hemden
die schützen wollen doch nur dazu taugen
gegenseitig zu suchen, zu flehen, zu saugen.

Und lang nach dem ich wieder alleine bin
lebt noch ein Teil von jedem in mir -
Begegnungen tief sind des Lebens Sinn
Ob kurz oder lang ich öffne mich DIR
Jedes Ich ist ein Teil von unserem großen Wir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BLAU ALS WÄRE

Gibt es einen Ort -
und da würde ich hin, sofort -
blau als wäre der Himmel ein Kleid
gefertigt aus Freude, gewaschen aus Leid,
an- und ausziehbar wie aus Seelentiefen
ein Lächeln, das suchende Augen riefen,
fern und fließend im Wind wie ein Traum,
ruhig und festsitzend wie ein uralter Baum,
eng anliegend wie ein verbindendes Eid,
ein unendlicher blauer blauer Raum…
fast eine Erinnerung, in der wir schliefen…
Gibt es irgendwo diesen Ort?
Da würde ich hin, und sofort.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

DIE KLEINEN TIEFEN DINGE

Es sind die normalen
die kleinen
die gewöhnlichen Dinge
die das Außergewöhnliche bewirken

Ein Lächeln schiebt eine Leiter ins Loch
mit der ein Verlorene heraus klettern kann..
Ein Moment des Zuhörens, der Anteilnahme
Ist auch eine stärkende Aussage: Bleibe dran!
Bleibe dran bei Deinem ehrlichen Versuch
Sinn zu machen aus Deinem verwirrten Lebensplan.

Wo Kleines sich traut, wird Großes mitwirken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NÄCHTLICHES SINNEN

Der Abend
Wie ein Buch mit tausend Fragen
Öffnet sich meiner Empfindungswelt.
So viele Fragen. Was wollt Ihr mir sagen?
Funkelnd wie Ideen am Himmelszelt.

Die Nacht
Wie ein Buch mit sieben Siegeln
Verschließt sich meinem Gedankenkreis.
Das selbe Schweigen in tausend Spiegeln.
Mein Verstand weiß nicht, was er nicht weiß.

Er weiß nicht mal, daß er nicht weiß.
Nur Meine Empfindung spürt es, erhellt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

FERN UND NAH

Die Welt ändert sich schneller
als unsere Clichés hinterher laufen können -
Brülle sie so laut wie Du magst
sie zerflattern wie Rauch im Winde.

Schwarze entsprechen ihren Clichés nicht
Weiße entsprechen ihren Clichés nicht
Männer nicht, Frauen nicht, Schwulen nicht
Fremde, Behinderte, Obdachlose, alle nicht.
Niemand ist noch das, was er sein soll.

Und als ich die Verwirrung in allen Augen sah
dachte ich mir, wie fern wir voneinander sind
und doch so nah.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung