MUTTERMEER

Das Leben stieg aus dem Wasser heraus
Und machte sich auf dem Lande Zuhaus –
Und jeder See,
an dem ich sinnend steh –
Jeder Fluß,
an dem ich entlang laufen muß –
Am Meer,
am besten Strand ernst und leer –
spüre ich, wie das Leben in mir
zurück gezogen wird, Geburtsort, zu Dir.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ERDVERBUNDEN

Ein Mensch,
der mit der Erde verbunden ist,
ist überall auf der Erde
Zuhause.

Das da oben ist keine Sonne
Das ist ein lachender Kraftspender –
Das Nasse, das von oben kommt,
das ist kein Regen, das ist Segen,
denn es reinigt alles und es stillt
den Durst seiner geliebten Erde.

Die bewegte Luft ist der erregte Duft
des Atems aus der Erde breiter Brust –
Die Bäume sind seine Wurzeln,
bohren immer tiefer in den Himmel,
schöpfen aus der Unendlichkeit
des Grales Unsterblichkeitelixier.

Er liebt nicht nur den Mitmensch
und die Natur als Wohnung,
sondern liebt vor allem die Tiere,
schönste Geschenke des Wesenhaften.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTLOS

Denk an andere
denn die Schöpfung denkt an Dich.
Dieser Gedanke – wie eine Kette, ein Bündnis, ein Wanderer –
bindet wie Nervenfäden die ganze Welt an sich.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TRAUMWEG

Neulich entdeckte ich einen Pfad,
der durch mein Gedächtnis lief –
Er schien eine Erinnerung zu wecken,
die schon lange in mir schlief
und nun nach mir leise rief.

Neugierig folgte ich dem Pfad
im Gedächtnis und es lichtete sich
nur langsam mit jedem vorsichtigen Schritt.
Sein unbekanntes Ziel blieb nebelig,
mir so verschleiert wie mein altes Ich.

Ich lag im Bett, Augen zu, still
und lief im Gedächtnis immer weiter –
Plötzlich sah ich vor mir stehend, und
hörte … ein Pferd, eine Stimme, ein Reiter:
Folgst Du dem Weg oder dem Wegbereiter?

Der Pfad verschwand aus meinem Kopf
und die Frage nahm seinen Platz.
Ich erwachte aus meinem Tagtraum
und wiederholte mehrmals diesen Satz
und hütete es in meinem Herz wie einen Schatz.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERSTECKTE GLEICHART

Oft saß ich allein
in einem überfüllten Zimmer
Und Deine Augen und meine
trafen sich immer
Obwohl ich in einer Ecke saß
und Du in der ganz anderen
Obwohl wir uns nicht kannten
kannten wir uns in unserem Inneren.

Und schieden und sprachen oft kein Wort
kein Gruß kein Satz zu einander,
als würden wir das nicht brauchen –
denn unsere Verbindung ist Salamander:
Unsterblich, millionenfach verbunden,
Fremde geschmiedet aus ähnlichem Geiste –
Sonderbar. Die Welt ist voller Gleichart.
Auch für den, der sie nie bereiste.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN KLEINES ZEITFENSTER JEDES JAHR

Einem kleinen Moment
ein großes Stück Ewigkeit zu entnehmen;
Eine innere Angst
zur kraftspendenden Erkenntnis zu zähmen;
Die eigene Grobheit zu erkennen
und Dich dafür befreiend zu schämen –
Befreiend: es wird Dich nicht einschläfern,
nicht trotzig machen, nicht lähmen.

Ein kleines Zeitfenster jedes Jahr,
viele sind weich, oder weicher, gestimmt –
Mancher folgt dem Ruf bis in seine Tiefe,
während der andere auf der Oberfläche schwimmt –
Weihnachten ist Mehr. Wohl dem,
der den Berg dieser Erkenntnis erklimmt:
Erkenntnis der wahren ewigen selbstlosen Liebe,
die tiefer als Blut und höher als Instinkt sich benimmt.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDÄCHTNIS

Vom Charakter her passen sie zu einander
Aber Geschichte und ihre Erinnerungen davon
trennen sie von einander –
machen es ihnen schwer,
auf einander zuzugehen

Könnte nur jemand Ihr Gedächtnis löschen,
wären sie sofort beste Freunde.

Das muss das Leben gedacht haben
und ließ sie sterben und wiederkommen –
Jetzt sind sie Mann und Frau,
aneinander gebunden mit einer Liebe
stärker als Hass und Schmerz und Tod.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEELEN UND SONNENFENSTER

SEELEN UND SONNENFENSTER

Ich stand auf und putzte meine Wohnung
Da verklärte sich das Fenster wie ein Gesicht
durch das die Sonne schien –
Ich habe kein anderes Zuhause.

Ich machte mit und säuberte die Erde
Da verklärte sich ihre Lufthülle
auf daß der Sonne Wärme ein und aus ging –
Wir haben kein anderes Zuhause.

Ich hielt inne und reinigte meine Seele
Da verklärte sich mein Gesicht wie ein Fenster
durch das einer Sonne Strahlen hinaus drangen –
Ich habe kein anderes Zuhause.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BRÜCKEN BAUEN

Ich die Nacht
Du der Tag
Und es war niemals Abend
Und es war niemals Morgen

Ohne Dämmerung
blieben wir
Du der Tag
Ich die Nacht

uns gegenseitig ergänzend
ohne uns gegenseitig zu verstehen
Wie Menschenrassen, wie Himmel
und Erde ohne Wolken und ohne Regen

Wer gibt wem zuerst
ein Teil von sich?
Der wird auch zuerst
voll und glücklich.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS TIEF VERANKERTE WISSEN VON GOTT

Ich glaube an Deine Liebe
obwohl es aus der Mode gefallen ist
davon zu sprechen
oder an Dich zu glauben

Alle, die es noch tun,
noch wirklich tun
in einer tiefen Ecke ihrer Seelen,
behalten es für sich schweigend

nach dem Motto:
„Schütze, was dich schützt.“

Und dennoch redet die Natur von Dir
Ordnung und Veränderung reden von Dir
Selbst die Lächeln der Zweifler
reden, unbewusst, von Dir
in jenen Momenten, wo sie sich einfach
kindlich darüber freuen, daß sie leben.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung