FEINE KRAFT

Ich höre
über weite Distanzen
die Stimmen von Freunden

Egal wie leise sie klingen
übertönen sie
den Lärm von Feinden

Die Liebe verstorbener Geliebten
schützt mich immer noch vor dem Haß
aller als lebendig geltenden Toten.

– Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EWIGES GEDÄCHTNIS

Und das Herz ist ein bodenloses Faß
Das sich erinnert an alles, was der Kopf vergaß
Und sein Gedächtnis trägt in seinem Ausmaß
Die Grenzen von Schmerz und Freude, von Liebe und Haß
In der täglichen Grenzenlosigkeit
Von Zeit gegenwärtig in aller Ewigkeit.
Mein kleines Herz – und eng, und tief, und weit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HAND IN HAND

Ich nehme mein Stift
in die Hand
und warte geduldig darauf
selbst genommen zu werden
in Deine Hand.

Ich habe Dich noch nie gesehen
noch gehört
aber ich liebe wie Du mich
innerlich besuchst und sanft
Dein Herz legst auf meine Hand.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKEN ALS FALLTÜRE

Ich begab mich auf die Suche
nach dem Gedanken,
der mich so traurig stimmte eben…
doch ich konnte mich nicht mehr an ihn erinnern –
So schnell wie er kam, verschwand er wieder
Hinterließ nur diese Traurigkeit.

Aber als ich weiter fahndete
fand ich einen anderen Gedanken
der in mir eine Vorahnung tiefer Freude auslöste
Ich flog und flog, vergaß die Traurigkeit…
bis ich wieder zu mir kam und erneut
nach dem Freude auslösenden Gedanken griff…

Doch auch er war weg. Vergessen.
Zurück geblieben ist nur die Empfindung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LICHTHORT

Die Nacht jagt mich
Ich flüchte
Durch die Nacht
In der Nacht
In die Nacht
Es gibt keinen Tag in der Nacht
Die einzige Zuflucht, die es gibt,
Ist meine Seele.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DENKEN IST LENKEN

Denken ist lenken
Gotteskraft lenken
ist denken
Ein Geschenk weiter verschenken
Einen Samen in die Realität versenken
– etwas zum Bedenken.
Zum Umdenken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEISTER ÜBERALL

Jetzt verstehe ich Geister
Die sind nur Menschen
Gefangen in ihren Emotionen

Sie verstehen genau so wenig wie ich
Vielleicht sogar weniger manchmal
Was los ist

Auch sie haben irgendetwas zu sehr gewollt
Irgendetwas, das weniger war
Als ihr wahres Selbst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEISTERHAND

Und meine Gedanken waren eine Leinwand
Und ich schaute auf sie und fand
Darauf den Eindruck einer fremden Hand.

War es mein Verstand
Der meinen Geist nicht verstand?
Oder wird jeder Dichter – außer Rand und Band –
Lediglich geführt von Geisterhand?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN HAUCH VON HIMMEL

Sie war die eine Frau
Sein ganzes Leben lang
Die ihn nie begehrte

Sie war die eine Frau
Die durch ihre Haltung
Ihn Treue und Reinheit lehrte

Unter all den Menschen
Und all den Begegnungen
Die ihm das Leben je bescherte

War sie derjenige Mensch
Den er am tiefsten liebte
Und am ehrlichsten verehrte.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEIN ZUHAUSE

Ich stehe häufig unter einem Baume
In einem inneren Bilde
Vor meinem dritten Auge
Vor einer kleinen niedlichen Holzbrücke
Die über einem Bach gebogen liegt

Auf der anderen Seite des Bachs
Steht ein schönes Haus
Ich sehe es nicht, ich spüre es nur.
Da wohne ich –

Der Bach ist die Dichtung
Die Brücke ist meine Sehnsucht
Der Baum ist der Tag, der Augenblick

Und wenn ich die Brücke überquert habe
Und wenn ich das Gedicht geschrieben habe

Gehe ich nach Haus.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung