HERR…

Ich danke Dir
Für ein volles Jahr
Das schnell ging und langsam
Gleichsam

Für jede als Gedicht
Getarnte Einsicht
In der Weisheit und der Liebe
Getriebe

Für das Reifen
In meinem Begreifen
Für die Gabe
Einer neuen Aufgabe
Immer wieder
Immer und immer wieder

Für das alte und das neue Jahr
Für das Begegnen und Beseitigen jeder Gefahr
Für Deine Güte, Herr, und Deine Treue
Und Vergebung, nach allem, was ich bereue
Für den Ruf der Ewigkeit
In aller Ewigkeit, in aller Ewigkeit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

DEZEMBERS STILLES ENDE

Wüsstest Du, daß die Einsamkeit
Ein Schutzmittel gegen sich selbst ist?
Wenn sie nah ist, ist sie weit
Wenn sie weit ist, wird sie vermisst
Von der in Dir wohnenden Einsamkeit
Denn sie vor allem braucht Gesellschaft –
Gesellschaft ehrlich, tief und wahrhaft.

Wie viele Gedanken nehmen wir
Vom alten ins neue Jahr mit rüber?
Wie viele Persönlichkeiten schälen wir
Denn die Zeiten werden immer gröber –
Welches Schutz-Ich wählen wir?
Kraft der Einsamkeit laut der Einsamkeit
Hören wir am klarsten in der stillen Einsamkeit.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

DIE RÜCKKEHR INS PARADIES

Er kehrte nicht mehr zurück
Nicht weil
Er den Weg ins Glück
Suchte und nicht mehr fand
Sondern weil
Er an nichts mehr über das Land
Des Glücks sich erinnerte.

Er glaubte nicht mehr daran
Weil
Ohne Ziel kein Reiseplan.
Ohne Sehnsucht keine Erinnerung
Weil
Ohne Sehnsucht keine Aufdämmerung
Dessen, was schlummerte.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

JEDEM SEINS

Wunderst Du Dich manchmal auch
Wie andere die Welt sehen? Nicht
Fremde mit fremdem Brauch
Sondern Bekannte mit ähnlichem Aussehen
Und gegensätzlicher Aussicht.

So gern würde ich mich sehen
Durch den Blick Deiner Augen. Meinen
Blinden Fleck. Meine vertrauten Ideen.
Zu was würden sie noch taugen
Wären sie die Deinen?

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

WEIHNACHTEN

Stille Nacht, heilige Nacht –
Nach dem ich heute Nacht
Geschenke meinen Lieben verschenkt
Und meine selbst ausgepackt habe,
Werden meine Gedanken nun gelenkt
Endlich zu der eigentlichen Gabe?
Der göttlichen Weihe der Nacht.

In der Finsternis scheint das Licht
Das Finsternis begreift es immer noch nicht.
Wann werden wir endlich das Gotteswort
Als liebevolles Licht begreifen?
Es erhellt unseren innersten dunklen Hort
Damit wir als wahre Menschen reifen.
Für was anderes kam das Licht nicht.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REISEZIEL

Flughafen
Kann man Sehnsucht einchecken?
Ist Übergepäck erlaubt?
Erinnerungen trag ich im Handgepäck
Ich möchte sie durchblättern
Während alle schlafen
Denn ich bin immer wach
Im Wandelflug meines Innenlebens
Von mir zu mir.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

LEBEND-ICH

Wie kann ein Leben
So viele Leben
Unterschiedliche Leben
Verschiedenartige Leben
In sich beinhalten?

Ein Leben
Ist niemals ein Leben
Ist vielmals einleben
In ein Erlebnis nach dem anderen
Ausleben und überleben

Leben ist erleben.
Ich war da, in meiner Kindheit
Ich war da, in meiner Jugend
Ich war da, in tausend Realitäten
Die sich alle von einander unterscheiden.

Was ist ein “Ich”?
Ein Etwas, das tausend Leben
In einem Leben und ein Leben
In tausend Leben durchlebt,
Sich verändert und unverändert bleibt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

GREIFBARE GEDANKEN

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die sehnsuchtsvoll
An Dich denken?

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die feindselig
An Dich denken?

Spürst Du auch die Gedanken
Der Menschen, die neugierig
An Dich denken?

Was Du spürst, ist die Art und Weise
Wie leise leise und weise weise
Die Schöpfung alles hört und alles weiß
Und alles weitersagt, ohne Beweis.

Lang bevor es das Internet
Der Dinge als Erfindung
Gab, gab es das Internet
Der Gedanken und Empfindungen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

EIN ABEND MIT MOZART

Eine kleine Nacht
Musik für den Geist
Der mich bewacht
Und um mich kreist
Bei mir sitzt und lacht
Immer dann, wenn es heißt:
Wir wissen nicht, was Che macht
Er sitzt alleine meist’.

Ich liebe wohl Gesellschaft
Innerlicher Art
Wesentlich-Geistig-Wesenhaft
Die sich um mich schart
Wenn ich brauche Kraft
Kraft stark, Kraft zart
Wie eine Flöte zauberhaft
Die Ewiges aufbewahrt.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REAL GEISTIG

Vor lauter Realpolitik geblendet
Wird die Frage nach der Herkunft
Rückwärts Richtung Vergangenheit angewendet
Anstatt wechselwirkend Richtung Zukunft

Wo ließen Deine Ahnen sich nieder?
Grübelst Du darüber, bis Du verdirbst?
Du kommst von da, wo Du wieder
Hin gehen wirst, wenn Du stirbst

Der Geist wird in der Moderne oft vergessen
In mitten von Nationen, Kulturen und Rassen
Der Verstand ist raumgreifend und alteingesessen
Der Mensch als Geist außen vor gelassen

Vor lauter Realpolitik starr geworden
Suchen wir hartnäckig, uneinig und blind
Unsere Heimat in allem Möglichen auf Erden
Außer in dem, was wir wirklich sind.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung