DIE NATUR DES WUNDERS

Der Herbst fängt wieder langsam an,
zu spüren, daß er anders ist,
als alles, was er um sich sehen kann,
denn das, was des Sommers ist,
so schön es ist, ist nicht sein Haus,
weil er, der Herbst besonders ist -
er errötet dann und zieht sich aus,
weil das die Natur des Wunders ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EHEMALIGER SOLDAT

Wie viele hat er damals umgebracht?
Schwer zu sagen - er hat nicht gezählt.
Hat er jemals danach an sie gedacht?
Schwer zu sagen - er hat nie erzählt.
Es war halt ein Krieg.
Es zählte nur der Sieg.
Wie es heute in seinem Gewissen aussieht,
behält er für sich. Ein Verlangen, das stark anzieht,
brennt in seinen Augen wie ein Schrei aus seinem Gemüt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER SOMMER GEHT ZU ENDE

Und es waren Blätter
nein, es waren Freunde
Was für ein Wetter
Freundschaft hat ein Ende

War es wirklich Freundschaft
oder nur der Sommer?
Freude, Spaß und Leidenschaft
nur bis Ende September

Blätter wie Farbreisende
bald kommt Eure Zeit
Der Sommer geht zu Ende
mit schleichender Plötzlichkeit

Blätter, pflanzliche, menschliche,
lösen bald alte Verbindungen -
Es kommt die Zeit für tiefere
Gespräche und Empfindungen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER NATÜRLICHE WEG

Eine ist tot, ihre Seele ich weiß nicht wo,
ein anderer - der war so freundlich - ebenso,
eine andere liegt heute tapfer im Krankenhaus,
einer ist jetzt zu schwach, sitzt nur noch Zuhaus,
eine weiß nicht mehr, wer ich war und bin,
ich umarme sie trotzdem alle in mir innen drin,
denn auch ich werde, wenn ich Glück hab,
eines Tages alt werden, dann folgt das Grab.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GRAFFITI

Wie viel Drang,
wie viel eingesperrtes, angestautes
geistige Leben zwang
die Seele dazu, derart intensiv Lautes
gegen die Weltenwände zu schreien
wie ein Hilfe- und Sucheruf aller Unfreien?

Sie tobt und tobt und tobt sich aus
ohne Befriedigung -
Sie wird erwachsen, verlässt das Elternhaus,
zwingt sich zur Ermässigung.
Wartet nun Jahre später hier auf die Sbahn
und starrt schweigend ihre alten Graffitis an.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MENSCHEN VERINNERLICHEN

Ich habe so viele Menschen verinnerlicht
Ihr Dunkel, ihr Geheimnis, ihr Streben, ihr Licht
Unzählige Geschichten tragen mein Gesicht

Du kennst mehr Menschen als Du weißt
Hast Erinnerungen gespeichert in Deinem Geist
während Du von Leben zu Leben unruhig reist

Jede Begegnung, die uns innerlich trifft,
hinterlässt einen Abdruck in unsichtbarer Schrift
eingemeißelt in unsre Geschichte mit ewigem Stift.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEHNSUCHT

Dehnen - mich dehnen - mich ausdehnen

Über die Grenzen der Straßen hinaus
Über die Fesseln unserer Lächeln hinaus
Über die Schranken aller Gedanken hinaus
Über die Sätze Eurer Gesetze hinaus
Über die Fügung unserer Lügen hinaus
Über die Glut des Blutes hinaus
Über die Enge meiner Ängste hinaus
Über das Drohen ihres Hohns hinaus

Ich will mehr. Dehnsucht.
Ich will mehr sein. Dehnsucht.
Ich will mehr bewusst sein. Dehnsucht.

Nach dort, wo Du bist
Die reinere Hälfte meines reiferen Selbst
Schmerzlich vermisst
Der Schmerz weitet mich von Selbst zu Selbst
Aus. Ich lasse es zu und gehe mit,
Denn die Dehnsucht in mir hält Schritt
Mit dem Schmerz, der mich innerlich frisst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS ALTE LOSLASSEN

Egal wo Du herkommst
wenn Du ankommst
musst Du das Alte loslassen
das Neue zulassen

Liebe
Arbeit
Reinkarnation
Nation

Ausdrücken kann ich das nur aus dem Bauch:
Daß nicht nur meine Vergangenheit in mir lebt,
sondern unsere gemeinsame Zukunft auch,
die sich aus dieser Gegenwart erhebt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HERKUNFT IST KEIN HEMD

Wie nah ist zu nah?
Wie fremd ist zu fremd?
Wir sind hier, aber sind wir da?
Herkunft ist kein Hemd
das an- und ausgezogen wird,
wenn um- und eingezogen wird,
und zusammen weitergezogen wird
als heutige Gesellschaft deutscher Nation.

Jedem Anfang wohnt ein Schmerz inne,
Neugeburt und Zauber sind seine Gewinne.
Dich des Wesentlichen - Einheit - bitte besinne.
Viele Herkünfte, eine Zukunft.
Gedankenaustausch ergibt Vernunft.
Auch Streitgespräche sind Gespräche
Streit als Bindungsmittel ist nicht immer Schwäche
Denn Stärke ist das Herz unserer Nation.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE ALS RATTENFÄNGER

Ich habe von Menschen gehört, die ahnen,
daß es nicht funktionieren wird, dennoch
gehen sie wie getrieben der Liebe Bahnen
entlang, hoffend es wird funktionieren doch -
und verenden gefangen in einem Loch.
Was ist diese Macht, die uns dazu zwingt
zu tanzen, obwohl die Liebe nicht singt
und nur die Musik des Rattenfängers klingt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung