BEFREIT

Ich gehe immer weiter
Hoff nicht auf meine Rückkehr
Die rückt nicht näher
Die kommt, ich komme, nie mehr
Ich bin ein Befreiter

Eure Fesseln haben mich innerlich befreit
Eure Angriffe machten mich vor neuen gefeit
Eure Wegelagerer geben mir sichres Geleit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SELBSTRAUM

Menschen wie Luft
Einatmen, ausatmen
Verbrannt, verpufft
Schreie und Hymnen

Zahllos wie die Sterne im All
Wie die Sterne nah doch fern und überall
Wie die Sterne erst der Urknall

Danach entfernen sie sich
voneinander kontinuierlich…

Welt-, nein, Selbstraum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDULDIG MIT ERLEBEN

Zu einem Menschen ohne Geduld
kannst Du nicht sagen Hab Geduld
Zu einem Menschen mit Angst
oder Wut
kannst Du nicht sagen Hab keine Angst
oder hab keine Wut

Was Du hast, hast Du
Was Du nicht hast, hast Du nicht
Nur durch Erleben lernst und wächst Du,
Durch Worte allein nicht.

Lass die Ungeduldigen ihre Ungeduld erleben
Lass die Ängstlichen ihre Angst erleben
Lass die Wütenden ihre Wut erleben -
Ohne Sichselbstsein kein wahres Erleben
Erleben und die Rückwirkung wieder erleben
Eine Schule ist das Erdenleben
Ohne Erleben kein Werden, kein Leben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

BINDUNG

Blut verbindet,
bindet aber nicht -
Die Band verschwindet,
der Bund bleibt als Pflicht.

Wahre Bindung befindet
sich in geistiger Gleichart
die ähnlich empfindet,
ähnlich hart, ähnlich zart.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

ÄNDERUNG UND VERÄNDERUNG

Such nie den alten Freund
im neuen - Menschen verändern sich
von Tag zu Tag, auch Dein Freund,
selbst von Moment zu Moment unmerklich
wie das Wetter, ziehen gleich den Gezeiten
von Mond zu Mond nach einem Herzbeben
und wandeln im Geist der Jahreszeiten.
Ein Jahr ist eine lange Zeit im Leben
eines Menschen. Erwarte nie den selben
Menschen heute wie den, der gestern ging -
Suche nie den alten Freund in dem alten
neu erschienenen halb Freund halb Fremdling -
Ihr beide habt Euch verändert.
Aber, hat das die Freundschaft geändert?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NUR DIE GEGEWART

Es gibt nichts wie 2024
Es gab nichts wie 1924
Es wird nichts geben wie 3024
Es gibt immer nur die Gegenwart,
den Augenblick des ewigen Geschehens
Ich wart und ich wart und ich wart
auf die Wiederholung des Erstehens
unserer Magie
Eine Zukunft, die schon gestern war.
Erwartung und Nostalgie
sind Illusionen, nur handeln ist wahr.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

IN WELLEN

Wie Blätter vom Baum
fallen Menschen von mir ab
Einige hängen noch am Saum
zarter Gefühle, die ich noch hab
aber sie werden zu Schaum.
Mein Herz ist ein ferner Strand
durchzogen von Dauerwellen. Kaum
rollt die eine weg von seinem Sand,
schafft es schon der Nächsten Raum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KLEINE FLAMMEN

Manch einer, der für die Politik
keinen Sinn zu haben scheint,
wird zur Veränderung der Politik
mehr beitragen als es jetzt scheint,
weil er Empfindungen umrührt
und Gedanken zum Weiterdenken anführt,
das Systeme überdenkt und Menschen vereint.

Bleib deshalb, wer Du bist.
Deine Art ist wichtiger, als Du ahnst.
Menschen erreichen, Menschen veredeln,
im Kleinen den Sinn für Frieden einfädeln,
Werte reinhalten, die andere besudeln.
Das, dem Du den Weg frei bahnst,
ist tiefer als heute die Welt noch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE NATUR DES WUNDERS

Der Herbst fängt wieder langsam an,
zu spüren, daß er anders ist,
als alles, was er um sich sehen kann,
denn das, was des Sommers ist,
so schön es ist, ist nicht sein Haus,
weil er, der Herbst besonders ist -
er errötet dann und zieht sich aus,
weil das die Natur des Wunders ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EHEMALIGER SOLDAT

Wie viele hat er damals umgebracht?
Schwer zu sagen - er hat nicht gezählt.
Hat er jemals danach an sie gedacht?
Schwer zu sagen - er hat nie erzählt.
Es war halt ein Krieg.
Es zählte nur der Sieg.
Wie es heute in seinem Gewissen aussieht,
behält er für sich. Ein Verlangen, das stark anzieht,
brennt in seinen Augen wie ein Schrei aus seinem Gemüt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung