SPÜREN UND VERWIRKLICHEN

Wo bist Du,
Gedanke des Morgens?
Was hat der Tag aus Dir gemacht?

Habe ich Dich vergessen oder verinnerlicht?
Entsprang meine Aussicht Deiner Einsicht?
Entsprangst Du selber der Empfindung Licht?
Deine Verwirklichung sei meine Pflicht.

Wo bist Du,
Empfindung des Morgens?
Was hast Du aus dem Tag gemacht?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ELTERN UND KINDER

Euer Lärm ist Schweigen
Eure Stimmen sind Geigen
Ihr seid meines Herzens Diebe
weil ich Euch, meine Kinder, liebe.

Diese Momentaufnahmen
können zukünftige nicht nachahmen
Durch Eure Geburt aneinander gehängt
werden unsere Wege einst wieder getrennt

Aber die Empfindungen bleiben
Die Briefe, die wir gegenseitig schreiben
in unseren Herzen liebevoll unsichtbar,
unvergesslich und niemals vernichtbar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

HEUTE SCHREITET NOCH EINE WEILE

Ich sehe Euch
wie Ihr schnell die Sonne sucht,
nach dem Morgen seht,
nach der Dämmerung sehnt

Gerne würde ich die Arme
nach Euch strecken und rufen
Halt! - denn
Heute schreitet noch eine Weile im Kreise
um Euch mit ausgebreiteten Schätzen
herum…

Doch keine Rufe sind so hell
wie die Sonne, keine Arme so stark wie
der Morgen. Sie reichen nur zum
Auf Wiedersehen Sagen und aus
der Ferne Auf Wiedersehen Winken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

NICHT MEINE WELT DEINE

Nicht meine Welt Deine
Warum blieb ich so lang?
Mit Dir fühle ich mich alleine
gelassen stets am Anfang
einer nie beginnenden Reise
voller lauter Versprechen
die verhallen, unerfüllt, leise
und auseinander brechen.
Aus der gebrochenen Schale
entsteht ein älteres Versprechen
in Menschenform ohne Wundmale
die von Widersprüchen sprechen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SAHARA

Die Wüste grüßte uns
bereits kurz hinter der Küste
nackt und schutzlos ausgebreitet
und doch keinen Schutz benötigend.
Einst blühte sie, ein Garten fruchtbarer Gelüste
und schien endlos zu sein,
zeitlos zu gedeihen –
ach!, wenn sie nur wüsste!
Jede Blume, einst, muß welken.
Da liegt sie jetzt, steinig, sandig, staubig,
die Gedanken des Nachdenkers spiegelnd,
der Lauf der Zeit, Grab der Geheimnisse,
Anfang und Ende, eine Wüste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUS DER TIEFE

Ich bin aus der Tiefe aufgetaucht
um auf der Oberfläche zu leben
Aber jetzt fehlt mir die Tiefe wieder,
das innere Weilen im ruhigen Erleben
wo ich niemandem gefallen mußte
außer meiner inneren Stimme eben.

Die Sonnenuntergänge waren anders
Die Gespräche inniger und wahrhaftiger
Die Alleinsamkeiten waren nicht einsam
Die Bindungen waren unabhängiger
Klarheit, Sicht und Einsicht waren einerlei
und flüstern jetzt: werde wieder lebendiger

Denn die Oberfläche ist oberflächlicher
geworden - und die Tiefe noch tiefer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEBÄRMUTTER ICH

Gebärmutter Ich
schwanger wieder ich
formend wachsend neuerlich
in meinem Ich ein neues Ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNNÖTIGE BRÜCKEN

Weil jeder Gedanke zurück kehrt,
schick nur Deine besten von Dir fort.
Weil Dein Wort Dich ehrt oder entehrt,
spürst Du in Deiner Empfindung sofort,
wenn Du es falsch verwenden hast
oder wenn es das Beste in Dir erfasst.

Ich sage nichts mehr,
was ich nicht unbedingt sagen muss.
Wüsste ich dies nur eher,
bliebe manch eine Begegnung beim Gruß
gefolgt von einem klaren Abschied
und, ungestört, meinem inneren Fried.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SÄEN UND WARTEN

Guten Morgen
feuchter, benebelter,
Traum betrunkener Tag -
Alle Samen,
die ich, Beseelter,
heute zu säen mag,

werden ungestört
tief in die lautlose Erde
des weichen Herzens dringen,
unmerklich, um dort
zu warten, bis Licht es werde
morgen und Früchte bringen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEMUT UND BESCHEIDENHEIT

Es gibt Momente, in denen
wir uns besser dünken als wir sind,
vielleicht weil wir es auch tatsächlich sind,
aber dann befinden wir uns unter jenen,
deren Zeit es ist zu führen,
egal ob sie richtig, falsch oder ver-führen;
wir sind gefangen in ihren Plänen,
denn wir müssen alles erleben -
Führung und Unterdrückung durchleben -
und reifen durch unsere Tränen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung