VERSCHWUNDEN


Schmetterling
Wo bist Du?
Ich sehe Dich nicht mehr.
Entweder bist Du verschwunden
Oder ich bin es, der nicht mehr
Hier bin. Schmetterling,
Wo sind wir?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SUCHEN

Wie Perlen
wie Steine
in einer Gebetsketteä
gleiten unsere Tage,
unsere Jahre,
eins nach dem anderen,
durch unsere Finger,
durch unsere Hände dahin,
ein nimmerendendes Flehen,
Bitten, nach dem Sinn unseres Lebens,
das seinen Kreislauf fast wie von selbst
seinem Ende entgegen vollzieht…
während wir, Suchende, älter werden.
Was haben wir bisher gefunden?
An den Folgen
unserer Entscheidungen gebunden,
was haben wir gefunden?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN LEERLAUF IST DER TIEFSTE LAUF

Leer heute
Leerlauf
Reinigung
Tief drauf
Weder gut
noch schlecht
Einfach nur
tief drauf.

Wann genau der Winter
dem Frühling wich,
kann keiner sagen…
Aber etwas Neues
längst angefangen
zeigt sich in diesen Tagen.
Neue Einsamkeit
Neue Persönlichkeit
Neue Fragen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS STILLSTEHENDE ZIMMER

Die Jahre fliegen
vorbei wie im Traum
Schwindelig wird‘s
dem Mitreisenden kaum
Wie in jedem Zimmer
so in jedem Zeitraum -
Still, bis empor Du kletterst
Deinen Schicksalsbaum.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE SACHE SELBST

Ein Haus stand neben einem Fluss
Doch es ist der Fluss, der heute noch steht
Und das Haus, das weggeflossen ist.

Der Reisende ist immer an seinem Ziel.
Der sein Ziel erreicht hat
Spürt irgendwann wieder die Sehnsucht
Nach einer höheren Form der Vollkommenheit.

Die Formen ändern die Gestalt ihrer Erscheinung
Die Sache selbst bleibt, was sie ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEINER KANN MICH AUFHALTEN

Keiner kann mich aufhalten,
der mein Ziel nicht kennt -
Das, was sie dafür halten,
war nie mein Element -
Ich war nur zwiegespalten,
ein blindes Instrument,
bis ich in dem Verwalten
meines Weges als Experiment
alle meine Seiten, die alten
und neuen transparent
durchlebte und könnte entfalten
mit meinem Temperament.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

KEIN TAG OHNE SCHÖNHEIT

Der Zug fährt ab
und fernab der Gegenwart
kommt er im selben Moment an.
Alles ist immer Gegenwart.

Herzen berühren ist schön
Herzen brechen ist schön
Herzen begegnen ist schön
Herzen verlassen ist schön

Nur, mach es in der Gegenwart
Heb es nicht für morgen auf -
Ein Tag ohne Schönheit
ist ein Tag vertan

Ob Schmerz, ob Genuss,
ob Freude, ob Verlust,
es ist alles schön
wenn der Geist daran wächst.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE VERLORENE TIEFE

Wann haben wir uns verloren,
unser Herz, unsere Weichheit,
die Natur, in der wir geboren
wurden, altmodische Weisheit?
Wann sind wir so fortgeschritten
geworden und innerlich zerstritten?

Einfache Lieder befriedigten uns,
ehrliche Worte genügten uns,
im Kern unseres Denkens und Tuns
waren Werte. Sie beschützten uns
lange vor diesem modernen Unding,
das wir ohne sie heute geworden sind.

Wer die Vergangenheit verloren hat,
der kann sie sich nicht mehr vorstellen -
begreift nicht mehr die märchenhafte Tat
ohne ihren Sinn modern zu entstellen.
Es war einmal eine bessere Menschheit,
eine Zukunft vergessen in Vergangenheit.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

OSTERGLOCKEN

Osterglocken Ende März;
Geist - Seele - Herz -
Freude blüht aus Schmerz.
Empfindung zieht aufwärts.

Osterglocken bald April;
Schwill an, Herz, schwill
an, leuchtend hell und still.
Was der Schöpfer will.

Der Park kühl und trocken;
Vögel, die laut frohlocken.
Im Herz und im Gras hocken
Neue Träume und Osterglocken.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

Park in Vaihingen, bei Stuttgart

ANDERS

Ich sehe die Welt anders.
Ich sehe, daß wir mehrmals leben,
dabei Wechselwirkungen erleben,
als möchte uns das Leben vergeben,
gäben wir uns nun anders.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung