MEIN GESICHT IST MASKE

Wieder gestorben
Wieder wiedergeboren
Wieder merken Freunde nicht
Daß sie Fremde geworden sind
Fremde sowie Feinde auch
Mein Gesicht ist Maske, seid Ihr blind?
Wieder gestorben
Wieder wiedergeboren
Tausendmal erwachsen, tausendmal Kind.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

NEUES WOHIN

Durchstöbere alte Denkkammer
Regale leer
Auf Schatzsuche tiefer tauchen
Innere Einkehr
In Empfindungsfluss hineinfallen
Es ist als wär
Ich neugeboren. Neues Wohin
Aus altem Woher
Weshalb ich immer dann wenn ich
Mich nicht erklär
Richtig liege, ist meins. Aufgetaut
Ich schmerze sehr
Sinken und steigen gleichzeitig
Leicht wenn schwer
Das Fließen übernimmt die Kontrolle
Und will Meer.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

WAS IST AUS EURER GRÖSSE GEWORDEN?

Und dann begann ich
Liebevoll geduldig
Mit Euch zu sprechen

Denn Härte mit Härte
Und Hass mit Hass
Zu kontern niemals
So gut wie Liebe saß

Was ist aus Eurer Größe geworden?
Geblieben ist nur Arroganz
Das Nicht-tolerieren von Toleranz
Das Dürsten nach Relevanz.

Größe aus der Distanz
Ist in der Nähe oftmals
Eine Anhäufung von Schwächen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SILVESTER 2022

Ich danke von Herzen Euch allen
Die Ihr mit mir Euere Wahrheit geteilt habt
Die nachdenklich stimmenden, die schmerzvollen
Die glücklich machenden. Es hat geklappt:
Das Jahr hat aus mir lang Ersehntes gemacht:
Aus Jahrhundertschlaf bin ich aufgewacht
Und gehe rüber ins Neue Ja heute Nacht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MEINUNGSWECHSEL

Manchmal kämpfen
und töten in mir sich
Gedanken gegenseitig
erbitterter und gnadenloser
als die wildesten Raubtiere
in der Wildnis. Natur Mensch.

Manch eine Lieblingsansicht
von mir wurde nicht selten
in mir vor meinen entsetzten
inneren Augen erbarmungslos
aus dem Hinterhalt von einer
anderen plötzlich angegriffen

in die Enge getrieben
auf den Kopf gestellt
durchlöchert und durchgestochen
auseinandergenommen
lebendig gefressen und begraben
kalt ermordet.

Und ich konnte nichts dagegen tun.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LIEBE MACHT BLIND

Freunde am Anfang
der Reise sind am Ende
nicht Feinde geworden –
noch schlimmer, Fremde

die deshalb Fremde sind
weil sie sich jetzt besser kennen
als am Anfang, wo sie
vor Liebe blind waren.

Freunde am Anfang
der Reise sind am Ende
schlimmer als Feinde
geworden – Fremde.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEHEN

Menschen kommen und gehen
Und wenn sie gehen
bleiben sie in uns stehen
während sie im echten Leben weitergehen

Und wenn sie wieder kommen
innerlich zu- oder abgenommen
wie eine Kopie eines alten Bilds verschwommen
begreifen wir, nichts im Leben bleibt stehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ENT-SCHULDIGUNG

Wer kennt das nicht?
Menschen machen Fehler
und Fehler machen Menschen.
Die Vollkommenheit schuf uns
aber erst die Fehlerhaftigkeit formte uns.
Erlebe! Wenn schon, denn schon.

Wer kennt das nicht?
Menschen machen Fehler
die Menschen machen.
Vor und nach dem Fehlgang
- am Ende wie vorher am Anfang -
lacht stets ein Erwachen.

Wer kennt das nicht?
Erst die Schuld-Aufladung
dann im nächsten Lebensabschnitt
die Ent-Schuldigung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SONDER FALL

Fallen war mein Fliegen
und bis ich am Boden ankam
hatte ich es gemeistert.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

REALITÄT

Irgendwann machst Du die Augen auf.
Erst dann begreifst Du, sie waren bis jetzt zu.
Alles, was Du vorher zu sehen glaubtest,
Waren Hirngespinste und Eigenwünsche.

Die Welt ist hässlicher
Die Welt ist schöner
Als alles, was Du hättest denken können -
Und Du auch.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung