ZEITVERSCHIEBUNG

Die Nacht ist still
und doch so laut.
Eine Nation, wie ein Planet
dreht sich unbemerkt
verschiebt sich unmerklich –
Nur wenn Tag und Nacht kommen und gehen
Nur wenn die Jahreszeiten Plätze tauschen
Nur wenn das Klima sich ändert
begreifen wir, daß nichts mehr so war
wie einst es war.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUF-BRUCH

Am Rande des Abends
sind wir am Rande des Morgens
Aufbruchstimmung
wie ein fremdes Gefühl im Bauch
Wir kennen das nicht mehr
Aufbruch
Stimmung
Wir befürchten, daß das Neue
nur ein anderer Name des Alten ist
unter den schönen Klamotten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ÄLTER UND JÜNGER

Am Anfang fühlte sich Deine Hand
alt, uralt, bekannt, wie eine Erinnerung
von einer Zeit älter als meine Erinnerung
– deshalb hielt ich sie fest, Deine Hand.

Am Ende fühlt sich Deine Hand
neu, frisch, wie eine Verheißung
einer Zeit längst nach unserer
– deshalb halte ich sie fest, Deine Hand.

Als ein altes Ehepaar fingen wir
in unserer Jugend an.
Das Leben veränderte uns.
Als ein junges Ehepaar werden wir alt.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DU ODER ICH

Ich folge Dir
wie ein Pfad, der
bereits da ist, da liegt
Egal wie Du Dich wendest und biegst
entkommst Du mir nicht
Egal wie ich mich wende und biege
komme ich immer bei Dir an…
Doch ob DU der Pfad bist
oder ICH, das weiß ich nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EINSAMKEIT

Wenn wir uns nah genug kommen
erkennen wir
wie weit entfernt von einander wir sind

Wenn wir uns weit genug von einander entfernen
erkennen wir
wie nah wir einander sind

Wir müssen uns nur von der richtigen Person entfernen
und der richtigen Person annähern
um zu erkennen, was falsch ist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WAR SCHON EINMAL MORGEN

Manchmal besuchst Du die Zukunft
und kehrst wieder zurück
Wie ein Wanderer, der eine ferne Bergspitze
erklimmt und zum Tal wieder zurück fällt…

Ist es nun Erinnerung,
wenn Du jetzt wieder in die Ferne blickst
Oder ist es Ahnung des Kommenden
Oder ist es Sehnsucht nach dem Unbekannten?

Denn das Bekannte ist auf einmal
wieder so weit weg,
an manchen Tagen ein bisschen heller,
an manchen Tagen ein bisschen dunkler.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHULD

Am meisten fällt es mir schwer,
mich zu ent-schuldigen,
denn es fällt mir schwer,
mich von meiner Schuld zu trennen.
Sie ist das einzige, was mich
an mein altes Selbst noch bindet,
das mein besseres Selbst war,
mein freieres Selbst war,
mein ehrlicheres Selbst war –
mit und ohne Schuld.

Und dennoch:
Alles Tote muß beerdigt werden.
Meistens mit Schmerzen im Herzen.
Meistens mit Tränen – denn
Dich von Deiner Schuld trennen, ist
Dich von Jemandem zu trennen,
der einst Dein bester Freund war und jetzt
nur noch ein Fremder ist.
Wenn ich mich bei Dir entschuldige,
trenne ich mich von meinem alten Ich.

Und das tut weh.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VERGESSEN

Wie oft muss ich schon gestorben sein,
daß ich Deinen Namen vergessen konnte,
die Du einst meine Sehnsucht gewesen warst,
als ich in Deiner Sehnsucht mich sonnte?

Mehrere Menschen liegen zwischen mir und Dir,
mehrere Leben, mehrere Gräber – und jedes verblich;
Mehrere Geschichten, Entfernungsschichten…
Und jedes davon war auch Ich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES WÄRE EINMAL

Wenn die Straßen Blumen wären
Wenn die Häuser Bäume wären
wären wir die Früchte der Erde, und fruchtbar…

Keiner spräche mehr von Planet Erde
Unsere Welt hieße nun Garten Erde
Bist Du bereit, eine neue Welt wach zu träumen?

Alles sieht so alt aus, so müde, so out…
Die Infrastruktur, das System, die Politik…
als wäre seine Zeit schon längst vorbei –

Diese unklare Empfindung,
daß die Zukunft anders sein möchte…
Ein andersartiges und reifes Märchen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

HEUTE DIE SCHWELLE

An der Schwelle zwischen Öl und Wasser
Zwischen Gas und Wind
Zwischen Kohle und Sonne
Zwischen Kern und Elektronen

Zwischen gestern und morgen

In diesem großen großen leeren Raum, wo
Verantwortungssinn und Entscheidung fehlt,
schwebte Energie und schaute zurück
und schaute nach Vorn.

Und wusste nicht weiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung