DIE FARBEN DER ERDE

Meine Gedanken reisen nach Hause
in die Vergangenheit – Alle, die
mit mir einst die rote Nigerianische Erde
mit ihren nackten peroxidischen Sohlen druckten, die kommen meinen
heimreisenden Gedanken heute Nacht entgegen
und fragen mich, wie es denn ist, dort,
in der Zukunft, in einem Fremdland.
Ich sage ihnen, der Himmel ist blau,
die Sonne ist milder aber es ist die selbe Sonne,
die die äquatoriale Luft entzündete,
und unser Mond lebt auch hier mit mir.
Nur die Erde, die rote Erde, sie fehlt…
Hier ist der Boden braun
und ich bin, nach zehn Jahren, immer noch dabei,
mich daran zu gewöhnen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SEIN

Ich gehe meinen Pfad
Schritt für Schritt
Und mache eine Neugeburt
Aus jedem Fehltritt
Das heutige schöne Gedicht
War gestern ein häßlicher Schrei
Ich sterbe gerne im Dezember
Um neugeboren zu werden im Mai.
Um neugeboren zu werden
Mit einem neuen Schrei.
Ich will alles hinter mir lassen
Doch wozu?
Es kommt alles wieder –
Und doppelt stark hinzu.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

YVONNE

Wir sind zusammen zu einer Reise aufgebrochen
Haben uns vieles und nichts versprochen
Hatten nur Hoffnung im Gepäck
Kein Zuhause, kein Hafen, kein Versteck

Ich wurde blind und wieder sehend
Ich starb und wurde wieder lebend
Du warst die ganze Zeit da
In aller Selbstverständlichkeit, und nah.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE UHR UND DIE ZEIT

Die Uhr läuft runter
Doch die Zeit bleibt still
Wir werden älter und älter
Doch unverändert, unser Wille.

Che Chidi Chukwumerijee
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LEBENSPHASEN

Ich blätterte alte Fotos durch
Sah in jeder Phase meines Lebens
einen Fremden mit meinem Gesicht

Und meine Frage lautet:
Wo war ich mein ganzes Leben lang
während diese Fremden mein Leben lebten?

Nein, die Frage lautet:
Für welchen zukünftigen Fremden
gebe ich mich heute ahnungslos aus?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MICH LÖSEN

Manchmal muss man sich
von allen lösen
um sich zu finden

Manchmal muß man sich
von sich selbst lösen
um sich mit allen zu verbinden

Was möchte ich?
Mich finden
oder mich verbinden?

Was macht wirklich glücklich?
Mich lösen und mich wirklich finden
Und mich verbinden ohne mich zu verlieren.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GEDANKENFLÜSSE

Azurwiesen
Smaragdhimmel
Immermeere
Gedankenflüsse
Wiedergeburtstage
Erinnerungsbrisen

„Ist alles gut bei Dir?“
„Ja, ich warte auf
den Schluß – und
Abschluß – und
Verschluß – und
Entschluß… des Gedichtes.“

Aber vielleicht war das schon –
Wie das Ende einer Beziehung
Das Absterben einer Freundschaft
Das nächste Kapitel in Deinem Leben –
Schon längst da
Nur weißt Du es noch nicht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SCHNITT MACHEN

Ich habe Heute gebraucht
– den ganzen Tag lang –
um zu erkennen,
daß ich den heutigen Tag
gar nicht erlebt habe.

Heute erst habe ich gestern gelebt
Heute werde ich erst morgen erleben
Wann werde ich Heute leben?
Eines Tages muß ich Gestern überspringen
Als wäre es mein Schatten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

KINDLICH BLEIBEN

Was steht still?
Die Zeit oder die Welt
Oder die Sorge ums Geld?
Das, was ich wirklich will
Steht immer still.

Das Wasser fließt weg
Doch der Fluß ist immer da
Die Jahre fliegen dahin
Doch die Zeit ist immer da
Die ewig geschehende Zeit

Das, was ich einst war
Sind meine Kinder heute
Es bleibt, was es ist
Kindheit, Land des Wachsens
Auch für Erwachsene.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ALTER

Wenn man die Blätter zählt
Die vom Baume gefallen sind
Ist er alt…
Wenn man die Blätter zählt
Die dem Baume am Entsprießen sind
Ist er jung…

Bin ich so alt,
Wie meine Werke hinter mir?
Oder so jung
Wie die Träume in mir?
Was ist die Zeit? Was ist das Alter?
Wann beginnt und endet mein Zeitalter?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung