TAUSCHEN

Wer sich selbst vergißt
Erinnert sich am Wahrsten an sich selbst
So wie er tatsächlich ist

Wer sich selbst ganz gibt
Empfängt die Wahrheit über sein Selbst –
Ob er sich dann vergibt?

Wer sich ganz zurück hält
Der gibt und empfängt das Gleiche selbst
Ob es ihm oder nicht gefällt

Und der, wer sich verstellt
Empfängt ein Zerrbild von seinem Selbst
Und von seiner und der ganzen Welt

Wir treffen uns
Wir trennen uns…
Ob wir uns je treffen?
Ob wir uns je trennen?
Auf Wiedersehen
Auf Nimmerwiedersehen
Denn wir werden nie wieder dasselbe sein
Was wir heute waren und heute allein.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

REIF UND UNREIF

Sie ist achtzehn und hat den Eindruck
Ihr Körper reift schneller heran als ihr Verstand
Sie sehnt sich nach einer führenden Hand
Einem, der sie begreift mit einem Blick

Denn sie kann es ja keinem direkt sagen.
Sie hat Angst, ausgelacht oder ausgenutzt zu werden…
Ein gut getarntes Schaf unter wilden Herden
Und traut sich noch nicht, das Leben voll zu wagen.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Jahr der deutschen Dichtung

40 ALS GRENZE

Wann wirst Du endlich erwachsen?
Mit 14? 16? 18? 21?
Ab 30 ist die Frist fast abgelaufen
Denn das Leben endet mit 40

Willst Du jenseits 40 überleben
Musst Du tapfer neugeboren werden
Sonst ist der Rest Deines Lebens,
Ob lang oder kurz, nur ein Sterben.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

KALEIDOSKOP MENSCH

Raum nach oben
Traum Bach unter
Kaum wach, törkelnd

Taumelnd, Politik
Baumeld, wild, Kritik
Von sich abgewiesen

Ausgewiesen
Sich ausgewiesen
In sich angekommen

Unter sich bleiben
Für sich ganz richtig
Harmonie bedürftig

Doch Grenzen fallen
Zwischen sich und sich
Was ist das, ein “Ich”?

Eingebürgert
Eingeschüchtert
Allerseits

Viele sind verunsichert
Nur die Mutigen
Lassen sich ändern

Denn sie wissen
Am Ende bleibt jeder
Trotzdem sich selbst.

– Che Chidi Chukwumerije

NEUGEBURTSWEHEN

Ende März –
Versteht nur mein Herz –
Es geht wieder schmerzwärts

Irgendwann
Eines Jahres endet’s dann
Weil ich’s nicht mehr ertragen kann.

– Che Chidi Chukwumerije

TUGENDEN

Wo ist Gott?
Und ich suchte in Häusern und fand ihn nicht
Und die Natur sprach von ihm, doch ich verstand sie nicht

Was ist Gott?
Und ich suchte in Religion und fand nicht alles
Und Philosophen sangen von ihm und verfehlten vieles

Wie ist Gott?
Und ich suchte in Gesellschaftsregeln, errang keinen Durchblick
Und Schöpfungsgesetze übertrafen meinen Überblick

Doch dann kamen die Tugenden
Und sie kündeten und künden:
Wir sind seine Eigenschaften
Kannst Du damit was anfangen?
Die Trägheit sucht in der Ferne
Doch die eigentliche Arbeit ist an Dir selbst –
Wenn Du ihn begreifen willst,
Strebe einfach nach Seinen Eigenschaften –
Das ist weitaus schwieriger
Als theatralisch philosophisch überall zu suchen –
Aber nur so findest Du die Verbindung
Zu Ihm.

– Che Chidi Chukwumerije.

TAG UND NACHT

Mein Herz hat
zwei Seiten – selbst ich
muß manchmal überlegen
wer jetzt will: Ich oder Ich

Denn was sie wollen
unterscheiden sich wie Tag und Nacht –
Ich mach’s wie die Natur:
Einer schläft ein, wenn der andere erwacht

Abwechslung
Umwandlung
Manche lesen zwei Seiten
Manche ein Herz.

Che Chidi Chukwumerije
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung

TRÄGHEIT

Die Schneeflocke, ist sie
träge oder leicht?
Ich trage Dinge in mir
so schwer, ich denke: Es reicht!

Die leeren Dinge wiegen
schwer auf meiner Tragfläche
Die tiefen Dinge liegen
ungern auf meiner Oberfläche

Nein ich sehe mich nicht
Denn ich kritisiere gerade Dein Gesicht
Mein Kopf ist zu schwer – war das meine Absicht?
Ich kann meinen Blick nicht heben, zur Einsicht
Die Trägheit, in der Tat, ist geistig.

Ich muß mich selbst vom Boden aufheben
und tragen mit eigenem Wollen
Diese Trägheit täglich neu überwinden
ist das Höchste, was wir tun sollen

Gefährlicher als das Dunkel in anderen
ist das Dunkel in mir selber
Schwieriger als andere zu besiegen
Ist das Bezwingen meiner eigenen Fehler.

– Che Chidi Chukwumerije
Das Jahr der deutschen Dichtung

ÄLTER WERDEN

Falten machen Menschen schöner
All die Jahren machen Menschen Menschen
Ein Lächeln vertieft sich und
Eine Falte ergibt sich und fängt das Lächeln auf –
Schmerz hat sie erschaffen
Aber sie wird Dein schönstes tiefstes Lächeln einbetten

Einrahmen wie ein Meisterstück
Die Linien führen Dich langsam zu ihm zurück,
Entfaltend wie ein Nachtfalter
Er bleibt immer jung, Alter:
Dein Traum von Glück.

– Che Chidi Chukwumerije

2019: Das Jahr der deutschen Dichtung
Ganz nebenbei, falls es jemanden interessiert oder einer sich fragt, was ich da so tue: Ich werde dieses Jahr täglich auf Deutsch dichten und auch posten in meinem Blog http://www.chechidi.me und auf Facebook und an anderen Stellen vielleicht auch. Wer will, darf gerne kommentieren, bewerten, sogar Wünsche äußern. Der Grund, warum ich das tue, ist ganz einfach. Es fließt gerade.

ZWEI WEGE

Als wäre ich zwei Menschen
Stehe ich mir selbst im Wege
Und wir halten keine Händchen

Überlege, Che, überlege
Warum stehst Du wieder am Anfang
Der Kreuzung der selben zwei Wege?

Getrieben von einem alten Hang
Geht man keine neuen Wege
Es sei, man entzieht sich seinem Zwang

Leistet der anderen Stimme Gefolge
Wer Neues will, der werde rege
Verzichtet auf die alten unbefriedigenden Erfolge
Und probiert endlich der ersten der zwei Wege.

– Che Chidi Chukwumerije.
2019: Das Jahr der deutschen Dichtung