DAS ENDE DES SELBSTBILDS

Es dauert eintausend Jahre und vielleicht mehr,
bevor ein kluger Mensch schmerzlich ahnen kann,
daß er eigentlich dumm ist, ignorant und wissensleer -
Das Ende seines Selbstbilds. Was macht er dann?

Es dauert eintausend Jahre oder manchmal zwei,
bevor bei einem starken Menschen es sich durchsetzt
das Wissen, daß er eigentlich schwach ist und unfrei -
Das Ende seines Selbstbilds. Was macht er jetzt?

Bis ein Jemand begreift, daß er niemand ist…
denn die Eitelkeit ist das Herzstück unseres Brustschilds…
Eintausend und mehr Jahre dauert die harte Erlebnisfrist
zur Erkenntnis und Umbildung des Geistes Selbstbilds.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

REALITÄTSVERLUST

Irgendwann wird es Dir
vorkommen wie ein Mär:
Dein Glaube an die Reinheit,
an die Macht der Kindlichkeit.

Das wird der Tag sein,
an dem Dein Bewusstsein
für die einzig wahre Realität
strauchelt und verloren geht.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DER WERDEGANG DES MENSCHEN ZUM MONSTER

Der Werdegang des Menschen zum Monster
ist eine Strasse des Schmerzes der Hoffnung -
Eine kindlich helle Seele wird langsam finster,
zerrissen durch fassungslose Enttäuschung,
wird im Grübeln immer leiser, immer ernster,
erliegt dann irgendwann der Rache Versuchung
freiwillig, das kann jeder, selbst ein Reinster,
wenn Vertrauen stirbt und kalte Verdunkelung
übernimmt tief die Augen, der Seele Fenster.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der deutschen Dichtung

ICH LIEBE ALLES

Ich liebe das Getrennt-sein
wenn ich nicht immer getrennt sein muss
von Dir

Ich liebe das Zusammen-sein
wenn ich nicht immer zusammen sein muss
mit Dir

Ich liebe das Alleinsein
wenn ich nicht immer allein sein muss

Ich liebe das beisammen Daheim sein
wenn ich es nicht immer sein muss

Ich liebe alles - nur in Maßen.

Aber das Verliebtsein
Das liebe ich immer
Das will ich immer sein.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

AUS MANGEL AN TATMUT

Während sie lächelten
Während ihre Gefühle köchelten
Während sie Möglichkeiten einfädelten

Während sie tändelten
Während sie an Tatmut mangelten
Während sie nicht handelten

Kamen andere Menschen in ihr Leben -
Doch schau, wie sie aneinander noch kleben
unfähig, sich gegenseitig je zu vergeben.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

EIN JAHR MIT FESTEM ZIEL

Ein Jahr mit festem Ziel
wünsche ich allen:
Erwachsene Arbeit, kindliches Spiel -
Ins Alte kein Zurückfallen,
und Wahrhaftigkeit viel.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ALLES BLEIBT GLEICH

Ich konnte nicht länger warten,
Ich musste gehen.
Bald kannst Du was Neues starten,
Dein Schicksal drehen.

Ich bin das alte Jahr, Aufwiedersehen
sagt man mir vergeblich;
Ich komme nicht wieder, verstehen
wirst Du mich nachträglich.

Der letzte Tag des Jahres, nachdenklich
nimmt er seinen Abschied -
Die Menschen, unglücklich und glücklich,
stimmen ein ins Abschiedslied.

Was vorbei ist, ist vorbei, vorübergehend,
Liebesgeschichten, Freundschaften,
Pläne. Sie werden wiederauferstehend
weitermachen, des neuen Jahres Leidenschaften.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DIE LETZTEN TAGE DES JAHRES

Fünf Tage sind viel
Denk nicht, daß es schon vorbei ist
Zeit ist nur ein Bei-spiel
Abgelaufen ist noch nicht die Frist

Dein Jahr könnte noch urplötzlich
eine neue Wendung erhalten.
Letzte Momente tun bekanntlich
Überraschungen enthalten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

JAHRE WIE JAHRZEHNTE

Die Jahre ziehen vorbei
als wären sie Jahrzehnte
Zwischen jeden zwei
liegt eine ausgedehnte
Zeit großer Umwälzungen,
einschneidender Erlebnisse,
sprunghafter Veränderungen,
paradigmenwechselnder Erkenntnisse.

Von Jahr zu Jahr zu Jahr
ist der, der ich letztes Jahr war,
ferne Geschichte, einmal es war.
Bald wird wieder ein neuer Januar.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LAUNENHAFTIGKEIT

So, wie er die untergehende Sonne beobachtet,…
die sich zurückziehenden Gezeiten betrachtet,…
so, wie er die Vögel nach Süden fliegen sieht,…
alles wahrnimmt, was um ihn herum geschieht,
so schaut er manchmal machtlos zu,
wie seine Laune sich verschlechtert im Nu,
und vertreibt die Freude und verdirbt die Ruh.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung