DISTANZEN MESSEN

Gib Deinen Freunden, mit oder ohne Streit,
mal die Gelegenheit, Dich zu verletzen -
sonst wirst Du sie nie wirklich kennen.

Nichts ist schlimmer, als die ganze Zeit
einen engen Freund falsch einzuschätzen.
Ihr müsst Euch aber nicht gleich trennen…,

nur die für Euch passende Distanz erkennen;
zu der könnt Ihr Euch auch ehrlich bekennen.
Denn wenige kann man wirklich Freund nennen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

SICH VERZEIHEN

Waren wir uns je ähnlich?
Waren wir je unterschiedlich?
Gleich und gleich bekämpft sich gern
Wir sind uns nah, wir sind uns fern
Wie da ein Stein und da ein Stern
die doch dasselbe sind in ihrem Kern.
Wunden, tief, sind nicht unverzeihlich.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

VON WENIGEN WAHRGENOMMEN

Manchmal steigt
von Wenigen wahrgenommen
ein Geist aus dem Unbegreiflichen
auf die Verstandesebene nieder

Und wie aus dem Nichts kommen
neuartige Gedanken zu Dir wieder
und jene merkwürdigen Lieder
die, undeutlich, verschwommen,

langsam wieder verschwinden,
dann schnell und immer schneller…
bis Du anfängst, zart zu empfinden,
und hell wirst und immer heller.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DASSELBE LÄCHELN

Wenn Du genug Länder besucht hast
Wenn Du genug Lächeln gesucht hast
und überall wie ein ewiges Darlehen
immer wieder dasselbe Lächeln gesehen
und zurückgespiegelt hast, na dann…
Vielleicht ist da wirklich etwas daran,
wenn gesagt wird, daß wir alle irgendwann
wieder eins werden werden im Gottesplan.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DEIN FLUGBEGLEITER

Sollen wir fliegen?
Fliegen wohin?
Da, wo wir uns nicht verbiegen,
dahin.
Ich fliege mit,
Dein Flugbegleiter -
erklimmen zusammen Schritt für Schritt
die Himmelsleiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ES IST SCHWER

Der Mensch und seine Gedanken
wie alle Monde und deren Erden
gegenseitig gefangen und tanzen
in ihren jeweiligen Gravitationsfeldern
Sie steigen und sinken zusammen.

Es ist schwer, anders zu denken, als Du bist.

Der Mensch und seine Empfindungen
wie alle Erden und ihre Sonnen
an einander gekettet in festen Bindungen
in ihren gegenseitigen Gravitationsbahnen
Sie steigen und sinken zusammen.

Es ist schwer, anders zu empfinden, als Du bist.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

GESCHEHEN-GEBUNDEN

Der Zug rollt ab, wie ein Geschehen,
aus dem Du nicht mehr aussteigen kannst.
Durchs Fenster wirst Du vieles sehen,
an dem Du Dich nicht beteiligen kannst.
Du kannst weder stoppen noch umdrehen;
die Fahrt erleben ist alles, was Du kannst.
Es bringt nichts, zu bitten oder zu flehen,
Du bist Geschehen-gebunden. Du kannst
im Zug sitzen bleiben oder aufstehen,
rumlaufen, mit anderen reden. Du kannst
Freunde finden, die den selben Weg gehen
wie Du, mit denen Du Wärme teilen kannst.
Enge Verbündete wie in Familien, oder Ehen,
oder im Krieg, oder im Knast. Werte kannst
Du schöpfen, Bunde formen, die nicht vergehen
werden, wenn Du endlich umsteigen kannst
an der nächsten Station in Deines Lebens Geschehen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

UNSICHTBARE FÄDEN

Manche sind Dir nah, aber Ihr
werdet Euch niemals begegnen…
Manch andere sind fern von Dir,
doch so sicher wie es regnen
wird, so sicher wie die Gezeiten
hinaus und wieder herein gleiten,
ebenso sicher werden sie vom Weiten
immer wieder zu Dir zurück reiten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

TREFFEN OHNE ZU TREFFEN

Das, was wir am Häufigsten tun:
Uns miteinander treffen.
Das, was wir am Häufigsten tun:
Uns gegenseitig verfehlen.

Tausend Begegnungen mit Worten
die auf „Treffen“ nicht zutreffen.
Tausend Erzählungen in Worten
die Vieles sagen aber nicht zählen.

Tausend Gelegenheiten verpassen
uns wirklich innig zu verbinden
Tausendmal anfassen ohne zu erfassen
die Fäden, die uns innerlich binden.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

BETREUEN UND BEFREIEN

Papa, über was schreibst Du heute ein Gedicht?
Ich weiß nicht. Über was soll ich heute schreiben?
Über mich. Über Dich? OK. Nein! Spaß! Bitte nicht!
Zu spät. Der Gedanke ist gekommen und muss nun bleiben.

Und muss nun wachsen, betreut von meiner Liebe,
und mich verändern, während ich ihn auch verändere;
dann, vollendet, mich zu verlassen, um im Weltgetriebe
eigenständig zu wirken für eine neue Welt, eine bessere.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung