BLÜHENDE GÄRTEN DER FREUNDSCHAFT

Meine zwei engsten Freunde starben früh, einer mit 19, einer mit 20. Der mit 19 starb war gleichzeitig mein Bruder, aber wir haben früh erkannt, daß wir nicht nur Brüder waren, sondern auch beste Freunde. Ein Jahr nachdem er starb, starb der andere, mit dem ich die Erkenntnis teilte, daß wir nicht nur beste Freunde waren, sondern auch Herzensbrüder. Zu dem Zeitpunkt waren sie die einzigen Menschen, mit denen ich mich Herz zu Herz verstand. Sie wurden seitdem nie wieder ersetzt in meinem Leben.

Davor und danach hatte ich gute Freunde, enge Freunde, aber irgendwie entwickelten wir uns alle weg voneinander.
Ich kenne heute viele Menschen, teile auch enge Freundschaften und Vertrauen mit einigen von ihnen. Aber es ist stets eine Distanz da, klein und fein, aber spürbar. Liegt es an mir? Gibt es tief in mir eine geschlossene Tür, zu der kein neuer Mensch mehr den Schlüssel zu finden vermag?

Und ab und zu, wenn keiner in meiner Nähe ist, mache ich die Tür ein bisschen auf und blicke auf die Erinnerung jener besonderen Freundschaften meiner Jugend zurück, als unsere Herzen Gärten waren, in deren lebendige Böden wir jene sonderbare Mischung zwischen Bruderschaft und Freundschaft als ewige Saatgut pflanzten.

Che Chidi Chukwumerije

MEINE EINSAMKEIT REICHT WEITER

Ihr fehlt mir
Die Nacht ist so gross
Die Stadt ist so leer
Mein Bedürfnis geht tiefer
Meine Einsamkeit reicht weiter
Reicht Euch die Hand
Wo seid Ihr?
Ihr fehlt mir

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

DAS MIT DEM HERZ

Wenn sie sagen: Hör mit Deinem Herzen
Begreife ich: Das Herz ist ein Ohr

Wenn sie sagen: Schaue mit dem Herzen
Verstehe ich: Das Herz ist ein Auge

Wenn sie sagen: Sag es mit Deinem Herzen
Lerne ich: Das Herz ist ein Sprachrohr

Wenn Du fragst, warum ich Dich höre
Warum ich Dich sehe, warum ich Dich aufsauge

Es ist weil ich Dein Herz bin
Und Du meins, dem ich Liebe schwor.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

LICHT AN LICHT AUS

Licht an, Licht aus
Adlergeist, Vogelstrauß
Dann gehen wir alle zurück nach Haus.

Als das Licht noch an war
Und Dein Adlergeist wach und klar
Wie stellte sich Dir Deine Zukunft dar?

Sahst Du uns in diesem Moment:
Ein Herz, das rennt; eins, das den Weg kennt,
Und einen Schmerz, der die beiden trennt?

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ICH ZUM WIR

Ich bin hier.
Je mehr ich versuche, mich zu entfernen
desto mehr, vertiefe ich mich in Dir
Du einst so fremdes Land. Kennen zu lernen
ist tauschen zu lernen ein bisschen Ich gegen mehr
von Wir.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZUM SPÄTER VERSTEHEN

Ich bin gekommen
Und werde gehen
Doch erst lange nach dem
Ich wieder gegangen bin
Werde ich bei Euch ankommen.

Dann werde ich nie wieder gehen -
Aber auch nie wieder kommen.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ZARTE BINDUNGEN

Mein Frankfurt
Nach dem es lange mich nicht haben wollte
Anscheinend
Will es mich jetzt nicht mehr gehen lassen
Anscheinend

Es sind diese unerklärbaren Gefühle
die mich zart fesseln
So wie einst unerklärliche Gefühle
mich subtil ausgrenzten.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

MINDESTENS DREI

Ich verschlinge Menschen
Wie Nahrung - Du auch?
Drei Mahlzeiten pro Tag
Mindestens drei neue Menschen
Stehen täglich auf der Menükarte
Ernährung für die Seele
Ergänzung für den Geist
Wein für den Neugier
Brot für die persönliche Weiterentwicklung.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung 

FRANKFURT FLIESST

Diese Stadt
lange mir verschlossen
öffnest Dich mir unerwartet tief und zart.
Wer hätt‘s gedacht? Wir sind Artgenossen.

Wie viel Vielschichtigkeit haben wir gemeinsam?
Wer unser Inneres erreichen will
der muß ehrlich sein und geduldig und einsam
und egal wie laut nebenbei auch still.

Und am allerbesten ist der Fluß
dessen Anfang und Ende keiner sieht
Viele starren hinein und fassen den Entschluss
dem ebenso zu folgen, der sie anzieht.

So fließen wir weiter mit,
bauen weiter, wachsen immer weiter -
Wir sind der Welt der Querschnitt
und unserer Zukunft die eigenen Wegbereiter.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung

ECHTES TREFFEN

Lass Dich nicht irren
Sozial sind keine Medien

Triff Dich lieber mit Menschen

Vertraue keinen Likes und keinen Emojis
Egal wie viele sie sind
Dein Bubble ist nicht echt, befreie Dich
Werde wieder Dorf- oder Stadtkind

Egal. Beides ist gut.
Park. Wiese. Bahnhofsviertel. Café. Klub.
Ohne Interaktion, keine Integration.

Triff Dich körperlich mit Menschen.
In den Körpern wohnen die Geiste.

Che Chidi Chukwumerije
Im Jahrzehnt der Deutschen Dichtung